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Ich glaub’, ich steh’ im Wald. Ein Reh beobachtet scheu die vorbeieilenden Menschen. Hinter dem Fahrkartenautomaten hat sich ein Fuchs versteckt. An der Betonwand watschelt eine Entenfamilie entlang und am Gleisbett glotzt mich ein Hase an. So macht das Warten Spaß.

Ein von üstra (@uestra) gepostetes Foto am

Seit Beginn des Jahres sind Bahnsteig und Verteilerebene des U-Bahnhofs Lister Platz mit Waldmotiven gestaltet. Wer genau hinsieht entdeckt, dass auf der untersten Ebene das Unterholz, der mittleren Ebene die Baumstämme und auf der Verteilerebene die Baumkronen mit den verschiedenen Kleintieren dargestellt sind und den hochfrequentierten Verkehrsknotenpunkt in eine Waldstation verwandeln. Das Thema Wald liegt nahe, denn die Bezeichnung des Stadtteils „List“ ist aus dem frühen norddeutschen Sprachgebrauch gleichbedeutend mit „Ort am Waldrand“. Das erfahren Fahrgäste aus Infotexten an der Wand, vorausgesetzt, sie nehmen sich einen kleinen Augenblick Zeit zum Lesen.

Normalerweise heißt Bahn fahren für mich, schnell von A nach B zu kommen. Morgens den Blick auf das Handy gerichtet, um News zu checken, abends hungrig, matt und reizüberflutet nach Hause. Seit rund 16 Jahren steige ich fast täglich am Lister Platz ein, aus und um. So wie zehntausend andere Menschen bin ich dabei in der Regel in Eile. Doch seit meiner Begegnung mit Hase und Igel bin ich unterirdisch aufmerksamer unterwegs. Und siehe da: Meine tägliche Pendelstrecke zwischen Lister Platz und Stadionbrücke bietet eine Ausstellung der besonderen Art. Statt kilometerlanger Sterilität gibt es Spannendes in den Schächten zu sehen. Wie konnte ich das nur so lange Zeit unbeachtet lassen?

Immer wieder hat die üstra namhafte Künstler eingeladen, vor Ort den Nahverkehr mit individuellem Design zu versehen und so der Stadt eine unverwechselbare Note zu geben. Fast alle Werke nehmen Bezug zur unmittelbaren Umwelt und erzählen von oberirdischen Gegebenheiten. Es lohnt sich also, einfach mal auszusteigen und hinzusehen. Wenn Sie wie ich hin und wieder Zwischenstopps im U-Bahn-Alltag einplanen, werden Sie Selbstverständliches mit ganz neuen Augen sehen. Versprochen.
Halt! Da ist ja Kunst.

Die erste Haltestelle nach dem Lister Platz stadteinwärts bietet ein Kontrastprogramm zum Walderlebnis. An der Sedanstraße rauschen die Stadtbahnen der Linien 3,7 und 9 durch eine knallbunte Comicwelt: Coole Graffitti-Schriftzüge, Donald Duck an der Staffelei, ein lachender Teddybär und ein betrübtes Schweinchen zieren die Tunnelwände. Vier junge Graffiti-Künstler aus Hannover und drei etablierte Sprayer aus New York bekamen Mitte der Neunziger Jahre die Chance, von der junge Kollegen nur träumen konnten: Sie durften die komplette U-Bahnstation gestalten. Die farbenfrohen Comic-Strips sind echte Unikate.

Weiter geht’s in Richtung Hauptbahnhof, Visitenkarte und Eingangstor für Reisende. Oberirdisch ist er mit viel Licht und exklusiven Geschäften im Inneren sowie seiner historischen Sandsteinfassade außen, an Attraktivität kaum zu überbieten. Unterirdisch ist er für mich bisher wenig ansprechender Transitort gewesen. Bis ich meinen Blick auf die Kunst in diesem öffentlichen Raum gelenkt habe. Der Franzose Jean Dewasne hat Mitte der Siebziger Jahre die Wände im Tunnel veredelt. Die Gestaltung symbolisiert französische Kathedralen und Fenster. Je weiter man nach Süden kommt, desto wärmer werden die Farben.

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Die U-Bahnstation Kröpcke ist nicht nur die Hauptumsteigestation der hannoverschen Stadtbahnen. Sie ist auch Vorzeigeprojekt von Kunst in den Katakomben. Wegen hoher Energiekosten und schlechter Lichtverhältnisse wurde das Labyrinth unter der City im Jahr 1999 komplett neu gestaltet. In nur fünfmonatiger Umbauzeit verwandelte der italienische Designer Massimo Iosa Ghini 1999 die rohe Betonarchitektur in einen Tempel aus Glasmosaik: 12.000 Quadratmeter sind mit grünen und gelben Glassteinchen bedeckt und erzeugen zusammen mit dem Lichtdesign – gelborange über den Sitzen und grünblau in den restlichen Bereichen – eine moderne Behaglichkeit. Am Haupteingang sowie an zwei langen Rolltreppen kommen die Fahrgäste an großen Mosaikbildern vorbei, die sich vom Gesamtkontext abheben und auf denen futuristische Stadtlandschaften dargestellt sind.

Dem Haltepunkt Markthalle/Landtag gab die Berliner Künstlerin Elvira Bach ein Gesicht. Und weibliche Körper gleich dazu. Dort wo täglich Menschen mit Anzügen in gedeckten Farben und schlanken Aktentaschen unter dem Arm ein- und aussteigen, gestalten sich die tragenden Säulen der Station farbenfroh und mit teils nackten weiblichen Figuren bemalt. Die Säulen der Sinnlichkeit sind 1995 unter dem Projekttitel „Column Painting“ entstanden. Sie machen den Hot Spot in Hannovers Altstadt absolut unverwechselbar.

16 historische Tafeln in Form von Bildcollagen hängen seit 2014 auf dem Bahnsteig der Tunnelstation Waterloo und erzählen anschaulich und chronologisch Hannovers Stadtgeschichte. Man sieht unter anderem die Nanas, die Göttinger Sieben und die Pokalhelden von Hannover 96. Zusätzlich erklären Infotafeln an den Pfeilern die wichtigsten Bauwerke, Ereignisse und Persönlichkeiten der Leinemetropole.

Hannovers U-Bahntunnel: Die längste Galerie der Stadt.

Auch in Richtung Nordstadt, wo ich öfter mal privat hinfahre, schmiegen sich modern gestaltete Stationen in die umliegende Landschaft ein. Am Königsworther Platz, wo täglich die Stadtbahnlinien 4 und 5 verkehren, gibt es auch Stadtgeschichte für unterwegs. Das Leitmotiv der U-Bahnstation Königsworther Platz ist der in der Nähe gelegene Große Garten Herrenhausen. An den Wänden der Station sind acht historische Eisentore angebracht, darin sind verschiedene Bilder zu sehen. Sie zeigen acht unterschiedliche Szenen aus den Herrenhäuser Gärten. Außerdem sind diverse Bäume in die Wände eingearbeitet. An den Enden der Bahnsteige finden Fahrgäste gelbe Türen, die von historischen Soldaten bewacht werden.

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Die Station Königsworther Platz – unverkennbar der Hinweis auf die Herrenhäuser Gärten. (Foto: Martin Bargiel)

Neben den Herrenhäuser Gärten wird auch die Continental AG durch vier Plakate aufgegriffen, die früher ihre Hauptverwaltung am Königsworther Platz hatte.
Ebenfalls in Richtung Norden, aber mit den Linien 6 und 11, setzt die Station Christuskirche markante Akzente. Zum einen ist sie kathedralenähnlich gebaut und erinnert mit ihrer Gewölbedecke und den mit roten Ziegeln verkleideten Außenwänden an die neogotische Kirche. Zum anderen sind die Wände mit Spiegeln durchsetzt. Sie lassen die Station optisch größer erscheinen. Auch der Boden ähnelt einer Kirche: Er besteht aus einem sandsteinfarbenen Terazzo-Plattenbelag. Echte Straßenlaternen, wie sie normalerweise an der Oberfläche zu finden sind, sorgen für die Beleuchtung der Bahnsteige.

Bleibt auf jeden Fall noch der Aegi zu erwähnen. Dort schlägt das Herz der modernen Großstadt, nicht zuletzt durch die Nähe zu Sprengel-, Kestner- und Historischem Museum, dem Rathaus und natürlich dem Theater am Aegi. Unter der viel befahrenen Straßenkreuzung, laufen die Stadtbahnen diverser Linien zusammen. Fahrgäste finden auf der Eingangsebene ein großes Bild des historischen Aegidientors aus dem Jahre 1620 auf einer Bildtafel. In etwas abstrakterer Form ist das Aegidientor in einer Waldlandschaft auch auf den Wänden der Bahnsteigebenen abgebildet.

Bis zum Braunschweiger Platz ist es nun auch nicht mehr weit. Ein Abstecher lohnt sich, denn der Tunnel unter der „TiHo“ ist Paradebeispiel für eine elegante Verschmelzung von Oberfläche und Untergrund. Die Wände der Station sind, wie große Teile der Tierärztlichen Hochschule, mit roten Backsteinen verkleidet. Vier Sandsteinreliefs zieren die Treppen zur Bahnsteigebene: Eine Geburtshilfeszene aus dem alten Ägypten, das Wappen der „TiHo“, und ihr Gründer – Johann Adam Kersting – sind dort dargestellt. Den Eingang ziert ein schmiedeeisernes Gitter aus dem 19. Jahrhundert.

Ach, es gibt noch so viel mehr unter der Stadt zu entdecken. Wer Kunst mag, sollte also auf jeden Fall Bahn fahren. Ich nehme mir derweil die avantgardistischen Busstopps vor. Ich werde berichten.

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ja, auch unterirdisch hat Hannover Einiges für Kunstliebhaber zu bieten, wenn auch lange nicht so viel, wie es sein könnte! Im Vergleich zu Berlin hinkt Hannover beispielsweise weit hinterher… Eventuell könnte man auch mal darüber nachdenken, einige der Plakatwände für Kunstaktionen freizugeben. Denn an die Werbung, die unterirdisch an allen Ecken und Enden auf uns einprasselt, kann und will ich mich einfach nicht gewöhnen.

  2. Hallo Ela,
    ich bin gespannt auf deinen Bericht über die Busstops. Mein Favorit: „Das Gürteltier“! So nenne zumindest ich die Haltestellengestaltung am Braunschweiger Platz für die Busse der Linie 134, wo ich häufig vorbeikomme.
    Und natürlich die schwarz-gelb-karierte Haltestelle Steintor mit goldenen Hütchen, die ja im Rahmen von Projekt Zehn Siebzehn nun tatsächlich auch zu einem Busstop wird. (Bisher war es ja eine Stadtbahnhaltestelle. Und die langen Bahnen passten gar nicht gut zu der Haltestelle. Wird das an der Haltestelle Nieschlagstraße eigentlich genau so werden, dass der dortige Busstop, der ja jetzt auch eine Straßenbahnhaltestelle ist, auch zu einem wirklichen Busstop wird? Zur Zeit halten an den „Klangschalen“, wie ich sie nenne, Busse und Straßenbahnen. Aber auch dort kommt ja bald ein Hochbahnsteig hin.)
    Die unterirdische Haltestellengestaltung finde ich übrigens dort am besten gelungen, wo eine Verknüpfung mit dem besteht, was an der Oberfläche zu sehen ist.
    Mein Favorit: Die Untergrundhaltestelle Königsworther Platz!
    Aber eigentlich ist es schade, dass in Hannover so viele Untergrundhaltestellen gebaut wurden, denn viel lieber steige ich oberirdisch ein- und aus, dann sehe ich gleich wo ich mich befinde und bin nicht auf eine Haltestellengestaltung angewiesen, die mir Hinweise darauf gibt, was mich an der Oberfläche erwartet.

  3. Und noch ein Hinweis zu den avantgardistischen Busstops: Am Königsworther Platz (Linie 200) gibt es neuerdings eine elektronische Anzeige. Darauf kann man sehen, wie lange man noch auf den nächsten Bus warten muss. Der Clou: Drückt man die gelbe Info-Taste, dann werden die Zeiten sogar angesagt! An der gegenüberliegenden Designer-Bushaltestelle der Linie 100 vor dem Conti-Hochhaus, die mit den gelben X’en, gibt’s die Anzeige nicht. Das würde vermutlich auch das Design zu sehr beeinträchtigen. Könnte man nicht dort und auch an den anderen „avantgardistischen Designer-Bushaltestellen“ einen Drückknopf mit Ansage einbauen? An der Haltestelle Nieschlagstraße, die mit den großen Klangschüsseln, habe ich z. B. entdeckt, dass dort bereits Lautsprecher installiert sind.
    Viele Grüße, Henry

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