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Wie holt man eigentlich eine Bahn nach Hause?

Während unser Heimkehrer, der TW 601, immer noch auf dem Schiff unterwegs ist, habe ich mal bei dem verantwortlichen Logistikunternehmen, Kühne + Nagel, nachgefragt, wie man eigentlich so eine Stadtbahn nach Hause holt.

Zunächst einmal: War es Zufall oder Absicht, dass der 601 jetzt auf einem Schiff unterwegs ist, das fast genauso aussieht wie er (nämlich rot-weiß lackiert)?
Das war zugegeben ein schöner Zufall, der die ganze Geschichte optisch noch interessanter macht.

Wie viel Planungszeit und Vorlauf braucht es generell, um eine so große Ware zu transportieren?
Das ist abhängig vom Gewicht und den Abmessungen des Gegenstands. Kleinere Sachen können innerhalb von zwei Wochen transportiert werden, bei größeren Dingen kann dies auch schon mal 6-8 Wochen dauern.

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Der TW 601 beim Verladen im Hafen von Baltimore.

Wie lange dauerten die Planungen für den Transport des TW 601?
Die rein organisatorischen Arbeiten dauerten etwa vier Wochen. Von der ersten Anfrage durch den Förderverein bis zum eigentlichen Transport ist aber in diesem Fall ein gutes Jahr vergangen. Das liegt zum einen daran, dass der Verein zunächst das Geld zusammen bekommen musste. Zum anderen aber auch daran, dass Käufer und Verkäufer erst noch das genaue Kaufdatum ausmachen mussten.

Welche Vorbereitungen müssen vor dem Transport getroffen werden?
Ehe eine Ware oder in diesem Fall der 601 transportiert werden kann, müssen die jeweiligen Transportträger (also das Schiff, der LKW etc.) beauftragt werden. Außerdem müssen wir alle Papiere zusammen bekommen, wie z.B. den Kaufvertrag, damit die Ware durch die Exportverzollung kann. Im Falle des 601, der aus Kanada bzw. den USA nach Deutschland überführt wird, muss zudem auch eine Versicherung vorliegen, dass kein Müll oder gar Produkte, die aus Robben hergestellt wurden, transportiert werden. Außerdem mussten wir spezielle Hafenpapiere zusammenstellen.

Wie werden die Reiserouten und Transportmittel in solchen Fällen ausgewählt?
Die Route richtet sich immer nach Preis und Machbarkeit. Der TW 601 war auf dem Truck z.B. so hoch, dass er nicht unter kleineren Brücken durchgekommen wäre. Sowas muss bei der Routenplanung natürlich mit berücksichtigt werden. In Hannover könnten dann z.B. zu enge Straßen ein Grund sein, die Route anders zu legen. Grundsätzlich muss jede Route von den zuständigen Behörden genehmigt werden. Lehnen diese die Route ab, muss von vorne geplant werden. Solange, bis man an seinem Zielort angekommen ist.

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Hier wird der 601 vom LKW auf den Trailer gezogen.

Wie lange dauert der Transport des TW 601 insgesamt?
Vom Be- bis zum Entladen ca. 9 Wochen.

Gab es bei dem Transport des TW 601 besondere Herausforderungen?
Die gab es. Das LKW Unternehmen hatte sich darauf verlassen, dass sich an der Ladestelle in Edmonton ein Kran oder Gabelstapler befindet, der die Rampen vom LKW hebt. Dem war leider nicht so, also mussten wir kurzfristig einen Stapler organisieren. Außerdem war die Ladestelle neben den Gleisen uneben, sodass wir die Bahn nicht einfach hätten gefahrlos auf den LKW ziehen können. Unsere Kollegen vor Ort haben deshalb Holz verlegt, damit der LKW gerade stehen konnte. Das Verladen hat zwar durch diese Probleme länger gedauert als geplant, insgesamt haben unsere Kollegen und die Mitglieder des Vereins in Edmonton jedoch einen super Job gemacht.

Kurz vor dem Hafen wurde es dann nochmal spannend, da eine Brückenunterführung vor dem Terminal in Baltimore für das ursprünglich gebuchte Schiff nicht hoch genug war. So mussten wir kurzfristig eine neue Lösung finden und haben den LKW zu einem anderen Terminal fahren lassen und die Bahn auf eine andere Reederei umgebucht. Letztlich hat aber alles gut funktioniert und der TW 601 konnte sich unbeschadet auf die Heimreise begeben.

Welche Strecke muss unser 601 nun genau zurücklegen?
Die Distanz zwischen Edmonton und Hannover beträgt etwa 11.100km. Von Edmonton ging es zunächst mit dem LKW-Tieflader zum Hafen in Baltimore (USA). Derzeit befindet er sich auf dem Schiff nach Bremerhaven. Dabei handelt es sich um ein sogenanntes RO/RO Schiff (Roll on Roll off), welches bewegliche Güter transportiert. Der 601 wurde also zunächst auf eine Art Rollbaren Trailer geladen und dann von einer Zugmaschine in das Schiff gezogen. Nach seiner Ankunft in Bremerhaven wird er dann nochmals verladen und mit einem LKW-Tieflader in seine Heimat Hannover gebracht.

Haben Sie bereits ähnlich große oder ungewöhnliche Dinge transportiert?
Ja, wir haben z.B. mal eine Sägewerk in die USA verlagert aber auch schon Eisenbahnkräne und Waggons transportiert. Aber eine Stadtbahn, auf die sich eine ganze Stadt freut, ist doch nochmal etwas besonderes.

Vielen Dank an Sven Koehne von Kühne + Nagel.

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„Hanover loves it more than we do“

Der TW 601, Prototyp der hannoverschen Stadtbahnen, ist auf dem Weg nach Hause. Bis zuletzt war er noch in Edmonton auf der höchsten Straßenbahnbrücke der Welt unterwegs – jetzt ist er auf der noch viel abenteuerlicheren Reise zurück nach Hannover. Warum aber gibt der kanadische Verein, die Edmonton Radial Railway Society (ERRS), den Wagen überhaupt ab, obwohl er erst seit 2005 bei ihnen im Einsatz war?

Fritz Faupel übergab dem Vorsitzenden der ERRS, Chris Ashdown, einen symbolischen Dollar. (Foto: Ramona Reichel)

Fritz Faupel (rechts) übergab dem Vorsitzenden der ERRS, Chris Ashdown, einen symbolischen Dollar. (Foto: Ramona Reichel)

Präsident Chris Ashdown erklärte mir im Interview, dass der ERRS bereits nach der ersten Anfrage von Fritz Faupel klar war, dass der 601 nach Hannover gehört: „Als Fritz uns damals die erste E-Mail schrieb, wussten wir, ‘okay, wenn er das Geld zusammen kriegt, geben wir den Wagen ab‘.“ Bei Edmontons Fahrgästen war der Wagen ohnehin nicht sonderlich beliebt. Viele hielten das Fahrzeug für zu jung für einen Oldtimer und die Ähnlichkeit mit den täglich fahrenden Straßenbahnen war einfach zu groß. Nur die Kinderaugen brachte der TW 601 jedes Jahr zum Canada-Day zum Leuchten, da er in den kanadischen Landesfarben – rot und weiß – lackiert ist. Weiterlesen

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Schöner warten

Ich glaub’, ich steh’ im Wald. Ein Reh beobachtet scheu die vorbeieilenden Menschen. Hinter dem Fahrkartenautomaten hat sich ein Fuchs versteckt. An der Betonwand watschelt eine Entenfamilie entlang und am Gleisbett glotzt mich ein Hase an. So macht das Warten Spaß.

Ein von üstra (@uestra) gepostetes Foto am

Seit Beginn des Jahres sind Bahnsteig und Verteilerebene des U-Bahnhofs Lister Platz mit Waldmotiven gestaltet. Wer genau hinsieht entdeckt, dass auf der untersten Ebene das Unterholz, der mittleren Ebene die Baumstämme und auf der Verteilerebene die Baumkronen mit den verschiedenen Kleintieren dargestellt sind und den hochfrequentierten Verkehrsknotenpunkt in eine Waldstation verwandeln. Das Thema Wald liegt nahe, denn die Bezeichnung des Stadtteils „List“ ist aus dem frühen norddeutschen Sprachgebrauch gleichbedeutend mit „Ort am Waldrand“. Das erfahren Fahrgäste aus Infotexten an der Wand, vorausgesetzt, sie nehmen sich einen kleinen Augenblick Zeit zum Lesen.

Normalerweise heißt Bahn fahren für mich, schnell von A nach B zu kommen. Morgens den Blick auf das Handy gerichtet, um News zu checken, abends hungrig, matt und reizüberflutet nach Hause. Seit rund 16 Jahren steige ich fast täglich am Lister Platz ein, aus und um. So wie zehntausend andere Menschen bin ich dabei in der Regel in Eile. Doch seit meiner Begegnung mit Hase und Igel bin ich unterirdisch aufmerksamer unterwegs. Und siehe da: Meine tägliche Pendelstrecke zwischen Lister Platz und Stadionbrücke bietet eine Ausstellung der besonderen Art. Statt kilometerlanger Sterilität gibt es Spannendes in den Schächten zu sehen. Wie konnte ich das nur so lange Zeit unbeachtet lassen? Weiterlesen

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Ich packe meinen Koffer und nehme den TW 601 mit

Der TW 601, Prototyp unserer Stadtbahnen, ist unterwegs. Am frühen Mittwochmorgen, um 6 Uhr deutscher Zeit, fuhr er auf einem extra langen LKW in Edmonton vom Hof. Doch ehe er seine Heimreise antreten konnte, musste der rot-weiße Wagen noch einige Hindernisse überwinden. Denn ganz so einfach lässt sich so eine Stadtbahn dann doch nicht in den Koffer packen. Weiterlesen

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Die Reise beginnt

Viele haben den kleinen Förderverein belächelt und für verrückt erklärt, als er 2013 sein Vorhaben, eine alte Bahn aus Kanada zurück holen zu wollen, vorstellte. Während Sie nun diesen Blogbeitrag lesen ist es jedoch soweit: Fritz Faupel, Vorstandsvorsitzender des Fördervereins STRASSENBAHN HANNOVER e.V. , macht sich auf den Weg nach Kanada, um Hannovers allererste Stadtbahn nach Hause zu holen.

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Seit 2013 arbeitete der Förderverein ehrenamtlich und mit viel Herzblut daran, den Stadtbahnwagen TW 601 aus Kanada zurück zu holen. Doch was macht den TW 601 so besonders, dass man dafür jahrelang Spenden sammelt und ihn einmal um den halben Globus fährt? Die Antwort auf diese Frage findet sich, wenn man etwas in der Geschichte Hannovers und der üstra kramt. Der TW 601 wurde, zusammen mit dem TW 600, Anfang der 70er Jahre als Prototyp für das neugeplante Stadtbahnsystem von der üstra gekauft und ausgiebig im Linienverkehr getestet. Die damals völlig neue Kombination aus Straßen- und U-Bahn war deutschlandweit einmalig und machte Hannovers Nahverkehr im ganzen Land bekannt. Dabei spielten die Prototypen eine entscheidende Rolle: Nur dank der damaligen Tests konnten die Must-Haves einer Stadtbahn erarbeitet werden, die noch heute in Form des grünen TW 6000 und seiner Nachfolger durch Hannover fahren. Denn für das neue System brauchte man eine Bahn, die sowohl an oberirdischen Bahnsteigen als auch im Tunnel halten-, und bei der jedes Fahrzeug ohne Wendeschleife in beide Richtungen fahren kann. Weiterlesen