100 Jahre ÜSTRA: 57 Mann brachten die
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100 Jahre ÜSTRA: 57 Mann brachten die „ÜSTRA“ auf den Weg

Tatsächlich: 100 Jahre „ÜSTRA“. Zu feiern Ende Oktober 2021. Zumindest theoretisch, denn war „100 Jahre ÜSTRA“ nicht schon 1992? Und vor vier Jahren das fulminante Geburtstagsprogramm zu „125 Jahre ÜSTRA“ mit der einmaligen Akrobatik-Show Metropolitan im GOP, großer Fahrzeugparade am Hauptbahnhof und prominent besetztem Zukunftscafé im Opernhaus! Und da soll(te) jetzt irgendjemand 100 Jahre „ÜSTRA“ feiern?  Warum denn das?

Nun, den Anlass hätte es gegeben. Bei genauer Betrachtung, denn es kommt ein wenig auf die Sichtweise an. Die großen Feiern zum 75., 100. und 125. Bestehen der ÜSTRA bezogen sich stets auf das Unternehmen „Aktiengesellschaft Straßenbahn Hannover“ mit offiziellem Gründungsdatum 22. Juni 1892. Nur lässt sich das so gar nicht zu „ÜSTRA“ abkürzen. Dennoch steht genau dies bis heute an Fahrzeugen und Gebäuden, an der Dienstkleidung und auf dem Briefpapier, sind diese fünf Buchstaben als wohl stärkste Marke der Stadt der Begriff für Nahverkehr in Hannover.

Die Wurzeln all dessen liegen in einer außerordentlichen Generalversammlung von Aufsichtsräten, Vorstand und Aktionären der Aktiengesellschaft Straßenbahn Hannover am 31. Oktober 1921 – also vor jetzt 100 Jahren. Ihr erster Tagesordnungspunkt betraf unter „Änderung der Unternehmenssatzungen“ den §1, den Firmennamen. Nach der Abstimmung war aus der „AG Straßenbahn Hannover“ die „Überlandwerke und Straßenbahnen Hannover AG“ geworden und der abkürzende Weg zur ÜSTRA nicht mehr lang.  

Zum Mittag im Hotel: ein neuer Name

Dank erhalten gebliebener Protokollabschriften und anderer Dokumente lässt sich dies ziemlich genau nachvollziehen. Man traf sich an jenem Montag um „12 ½ Uhr“ in Kastens Hotel, damalige Anschrift Theaterplatz 8/9. Eingeladen hatten die drei Direktoren Alexander Battes, Baurat Eduard Holstein und Dr. jur. Arthur Menge, das Protokoll führte Justizrat Richard Berger. Er notierte die Eröffnung der Sitzung für 12:40 Uhr, sehr wenige Minuten später dürfte die neue Firma, also der neue Unternehmensname, beschlossene Sache gewesen sein. „In einstimmig beliebter mündlicher Abstimmung“ beschlossen die 57 Mann neben dem neuen Namen eine Neufassung des Unternehmensgegenstandes und eine Kapitalerhöhung.

Ohne Straßenbahn kein Strom, ohne Stromversorgung keine ÜSTRA

Aus heutiger Sicht interessant sind die neu gefassten Aufgaben des zu diesem Zeitpunkt bereits seit etwas mehr als 29 Jahren bestehenden Unternehmens und ihre Reihenfolge: „1. Der Bau und der Betrieb von Überlandwerken, sowie der dazu gehörenden Verteilungsnetze nebst aller Einrichtungen zur Ergänzung, zum Bezuge und zur Verteilung elektrischer Arbeit. 2. Der Erwerb, die Erpachtung und Verpachtung, der Bau, die Ausrüstung und der Betrieb von Strassen- und Kleinbahnen sowie die Einrichtung und der Betrieb von Omnibuslinien in Hannover, dessen Vororten und Nachbarorten zur Beförderung von Personen und Gütern und der Abschluss aller hieraufbezüglichen Rechtsgeschäfte, imgleichen die Errichtung damit in Verbindung stehender wirtschaftlicher Anlagen.“

Noch bis 1927 blieb der alte Firmenname auf den Fahrausweisen erhalten. (Quelle: ÜSTRA Archiv)

Endlich fanden sich nun die Überlandwerke, also Erzeugung, Verteilung und Verkauf von Licht- und Kraftstrom, auch in der Firma angemessen wieder. Die Straßenbahn Hannover hatte ab März 1898 immer mehr Menschen erstmals überhaupt mit elektrischer Energie versorgt, sehr weit über ihren schnell gewachsenen Verkehrsraum hinaus, beginnend in Buchholz und Bothfeld, letztlich auch in Richtung Peine oder hinterm Deister. Sie hatte buchstäblich das Licht hinaus aufs Land gebracht. Entsprechend standen die Überlandwerke im neuen Namen auch vorne. Wann genau dann aus der insofern klug und nachhaltig gewählten Langform die handliche und einprägsame „ÜSTRA“ wurde, ist noch nicht erforscht. Waren die 57 Herren im angeregten Diskurs sogleich auch Urheber der Kurzform, war es ein Pressemensch oder der Volksmund – jedenfalls nutzte die nun genannte ÜSTRA diese so überaus einprägsame Kurzform alsbald selbst und trug sie im Logo: mit geflügeltem Ü wie ein Krönchen.

Selbst im Ücon stecken die Überlandwerke

An den Fahrzeugen blieb „Straßenbahn Hannover“ parallel noch lange Zeit in Verwendung, ÜSTRA auf Blech trat zumeist nur in Verbindung mit dem geflügelten Ü auf. Von den Fahrkarten verschwand die „Straßenbahn“ offenbar mit einer grundlegenden Neugestaltung des Netzbildes 1927/28. Im rechtsgültigen Unternehmensnamen blieben die „Überlandwerke“ aber sogar bis zum 5. Juli 1960 bestehen, dann rückte die längst bestens eingeführte Kurzform auch hier mehr ins Licht. Zur Umbenennung schrieb die hauseigene Mitarbeiter-Zeitschrift „Nachrichtenblatt“ (Ausgabe 4/1960): „Da der Bau und Betrieb von Überlandwerken nicht mehr Gegenstand unseres Unternehmens sind, hat die ordentliche Hauptversammlung vom 5. Juli 1960 die Änderung unseres Firmennamens in »Hannoversche Verkehrsbetriebe (Üstra) AG« beschlossen. Die Abkürzung des früheren Firmennamens »Üstra« wurde beibehalten, weil sich dieser Zusatz seit Jahren eingebürgert hat.“

Nun stand das lokal so bekannte multisegmentale Kurzwort bei den nunmehrigen „Hannoverschen Verkehrsbetrieben (Üstra) AG“ im Namen erst hintenan, ward 1974 von Professor Herbert Lindinger neu gestaltet und lindgrün gefärbt, rückte ab 7. November 1980 nach vorn, weiter groß-, ab 16. August 1996 zeitgeistig klein- und seit der Vorstellung des neuen ÜSTRA Auftritts am 24. April 2017 endlich wieder, der Bedeutung entsprechend, großgeschrieben. On Top kam im Jubiläumsjahr noch ein warnblinkendes Ufo namens Ücon hinzu, internettypische und -taugliche Ikone der Neuzeit. Wie das bald auch schon 50 Jahre verwendete Lindgrün signalisiert das Ücon – zwei mit einer Linie verbundene Punkte – jedermann sofort, ohne weitere Zutaten und auch ohne jeden Buchstaben „ÜSTRA“. An die einst so bedeutenden und letztlich bis heute den Namen indirekt prägenden „Überlandwerke“ denkt dabei vermutlich kaum noch jemand. ÜSTRA und Kunden können froh sein, dass vor 100 Jahren diese Reihenfolge für die Unternehmensbezeichnung gewählt wurde. Ein „STRÜH“ dürfte wohl kaum so lange überlebt haben.

Zum 125. Geburtstag gab es eine große Feier auf dem Opernplatz samt Lichtshow mit neuem Logo. (Foto: Achim Uhlenhut)

Der Name traf letztlich nur noch 7 Jahre und 2 Monate lang zu

Nach und nach stand ab Ende 1921 also zumindest auf dem Papier überall „Überlandwerke und Straßenbahnen Hannover AG“ oder auch ÜSTRA. Doch sehr bald stimmte dies genau genommen schon wieder nicht mehr. 1923 endete die eigene Stromerzeugung. Zum 1. Januar 1929 wurden die „Überlandwerke“, also Stromversorgung und Energieverkauf, abgespalten und Sache des Schwesterunternehmens „Hannover-Braunschweigische Stromversorgungs-Aktiengesellschaft“, kurz HASTRA.

Aktuelle Jubiläen: Auf die 100 folgt gleich eine 150

Für 2022 steht bereits „150 Jahre Straßenbahn in Hannover“ im Kalender. So folgt auf die 100 sogleich eine 150. Denn zur Unternehmens-Gesamtgeschichte gehört ja auch die Pferdebahn, und deren erste fuhr im September 1872 zwischen Döhrener Turm und Steintor. Straßenbahn geht ja nicht nur elektrisch. Nach dem runden, unbemerkten und etwas indirekten „Hundertsten“ nun also nur elf Monate später schon ganz geradlinige 150 Jahre – dank gleich zwei Vorgängergesellschaften von „Straßenbahn Hannover“ und „ÜSTRA“.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Wenn ich ganz ehrlich bin, ist das Logo von 1974 immer noch zeitlos und modern. Eben typisch zu den grünen Stadtbahnwagen Tw 6000 mit dem Lindinger-Design.

    Schade.

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