Vor zwanzig Jahren bekam Hannover den Bus der Zukunft
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Vor zwanzig Jahren bekam Hannover den Bus der Zukunft

Sogar die Süddeutsche Zeitung geriet ins Schwärmen, als die ÜSTRA vor 20 Jahren ihren neuen Bus vorstellte: „Bus der Zukunft“ titelte das Münchner Blatt, das Hannover zu Expo-Zeiten sonst gerne mit Hohn und Spott überzog. Was war da los?

Im Vorfeld der Expo 2000 durchlief der hannoversche Nahverkehr ein Erneuerungsprogramm von gigantischen Ausmaßen. Schließlich sollte die erste Weltausstellung auf deutschem Boden unter dem Motto „Mensch – Natur – Technik“ die umweltfreundlichste Großveranstaltung aller Zeiten werden – auch was die An- und Abfahrt der erwarteten 40 Millionen Besucher anging. Der damalige Vorstandsvorsitzende Heinrich Ganseforth nutzte die bereitgestellten Fördermittel auch für eine Vielzahl von Gestaltungsmaßnahmen und gewann international renommierte Designer dafür, der ÜSTRA – und damit Hannover – ein neues Gesicht zu geben. Eine neue Stadtbahn wurde entworfen, die größte Station Kröpcke völlig neu eingekleidet und eben auch ein neuer Bus auf die Reifen gestellt, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hatte: den Stadtbus, auch Expo-Bus oder nach seinem Designer „Irvine-Bus“ genannt.

Der Irvine Citaro (mitte) auf dem ÜSTRA Busbetriebshof Mittelfeld. (Foto: Achim Uhlenhut)

Kein Bus aus dem Regal oder von der Stange sollte es sein. Deshalb wurde mit Evo-Bus 1996 ein Hersteller gefunden, der individuell nach den Vorgaben des englischen Star-Designers James Irvine und seinem Mailänder Büro gefertigt wurde. Irvine hatte sich zuvor mit aufsehenerregenden  Arbeiten für Unternehmen wie Canon, WMF, Thonet oder Artemide einen Namen gemacht. Ein Bus freilich hatte er noch nie entworfen – und gerade dieser neue, frische Blick auf den Nahverkehr und seine Fahrzeuge brachte Erstaunliches hervor. Den Ansatz, mit dem Irvine an den Bus heranging, hat er 2004 in einem Interview einmal so beschrieben: „Erfolg verknüpfen wir heute mit dem Besitz eines Hauses und eines schicken Autos. Dabei kostet uns diese Art von Erfolg die gute Luft und das gute Leben. Bus, Straßenbahn und U-Bahn gelten dagegen als die Lösung des armen Mannes. Weil er kein eigenes Auto hat, quetscht er sich in den stinkenden Bus mit all den anderen armen Leuten. Diese Situation sollten wir ändern, indem wir Bus und Bahn so attraktiv gestalten, dass sie qualitativ mit dem Privatwagen konkurrieren können.“     

Ab Juni 1999 prägte der „Designbus“ das Stadtbild von Hannover. (Foto: Franke)

Irvine verpasste dem ÜSTRA Bus mit der neuen Komplementärfarbe Orange zum klassischen Grün und Silber und mit seinen markanten abgerundeten Fenstern einen neuen Look. Auch im Inneren ließ er kein Detail unbeachtet: Selbst die Türtaster und Halteschlaufen wurden von ihm neu gestaltet. Besondere Aufmerksamkeit widmete er dem Bewegungsfluss der Fahrgäste. Mit dem offenen Platz in der Mitte des Busses übersetzte er die Idee der italienischen Piazza in das Raumkonzept eines Stadtbusses. Während dieser Platz vor allem für eilige, stehende Fahrgäste gemacht war, wurde die kommunikative Sitzecke im Heck von gesprächigen und länger fahrenden Passagieren genutzt. Erschlossen wurde der Bus durch seine zwei großen Doppeltüren zwischen den Achsen – damals für die Konstrukteure eine echte Herausforderung, heute fast schon ein Standard im Busnahverkehr.

Etwas aus dem Irvine Citaro ist in alle Fahrzeuge der ÜSTRA eingezogen: Die Halteschlaufe. (Foto: Franke)

Geschickt in Szene gesetzt von den Marketingstrategen der ÜSTRA wurde der neue Stadtbus am 24. Mai 1999 vor dem Opernhaus enthüllt – im Beisein eines gut gelaunten James Irvine. Die Nahverkehrswelt blickte erstaunt und bewundernd nach Hannover. Der auf dem Mercedes-Benz Citaro basierende Bus war ein Hingucker und bereicherte das Stadtbild vom ersten Moment an. Bis im März 2016 der letzte Irvine-Bus ausgemustert wurde, haben die Hannoveraner viele Millionen Male zufrieden den Bus genutzt, auf den James Irvine so stolz war. James Irvine starb 2013 – nur 54 Jahre alt. Die Impulse, die er vor zwanzig Jahren der ÜSTRA mit dem neuen Bus gegeben hat, bleiben lebendig. Die ledernen Halteschlaufen, die er für seinen Bus entworfen hatte, wurden später auch in nahezu alle Stadtbahnen eingebaut und sind heute ein unverwechselbares Merkmal der ÜSTRA: Kein Hannoveraner, der seine Hand nicht schon einmal vertrauensvoll in sie gelegt hätte.

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Das war wohl eine der schlechtesten Ideen einen Bus zu gestalten: kein Fenster hatte die gleiche Größe, die Scheiben waren daher im Falle eines Falles nicht untereinander austauschbar, im hinterenTeil der Gelenkbusse hat man sich beim Hinsetzen an den Haltestangen den Kopf gestoßen, und dann die Kosten: 10000 DM Aufpreis extra für das Design ?! Übrigens, der Prototyp des Citaro sah besser aus!

  2. Ich finde das Design des Busses auch toll!
    Aber dadurch, dass im hinteren Bereich des Innenraumes vermutlich die Abgasrohre des Busses durch einen Schacht nach oben geführt werden und der Schacht schlecht isoliert ist, entsteht ganzjährig eine Heizung, die bei Außentemperaturen von um die und über 30°C nicht zu ertragen ist.
    Vielleicht kann man diesen Konstruktionsfehler einmal beheben?
    Dann würde ich mich auch wieder auf das Design konzentrieren können :-)

    • Da die Busse ja nicht mehr im Linienbetrieb eingesetzt werden, hat sich dieses Problem ja eh überholt. ;)

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