Mein Leben mit der Straßenbahn: Auf dem Schulweg
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Mein Leben mit der Straßenbahn: Auf dem Schulweg

Viele Kinder freuen sich auf die Schule, wenn es mit sechs Jahren hinaus geht ins sogenannte Leben. Ein erster, aufregender Schritt in die Freiheit, auf einen immer weiter werdenden Horizont zu.

Bei mir war das leider anders.

Wohl genoss ich den ersten Tag, die riesige Schultüte voller Süßigkeiten, die ganze Aufmerksamkeit, in der man plötzlich Mittelpunkt war. Was für ein toller Tag dieser erste Schultag doch war! Bis ich begriff, dass ich auch am nächsten Tag wieder in die Schule musste. Und auch am Tag danach. Und danach. Allmählich sickerte die ganze brutale Wahrheit in mein Bewusstsein: Das würde jetzt immer so weiter gehen. Sozusagen bis ans Ende aller Zeiten, zumindest derer, die ich mir als Sechsjähriger vorstellen konnte. Ganz offenbar hatte ich Lebenslänglich bekommen – ich wusste nur nicht wofür. Womit hatte ich das verdient?

Am schlimmsten fand ich die Minuten in der Klasse, bevor die Lehrerin erschien. Alles tobte, schrie und rannte durcheinander. Keiner war ansprechbar, alle wie von Sinnen. Ich war eins von diesen stillen Kindern, die ihre Nase am liebsten in ein Buch steckten, und konnte mit einem solch wilden Haufen gar nichts anfangen. Einen Kindergarten hatte ich nicht besucht. Als ihren Jüngsten hatte meine Mutter mich bis zur Einschulung bei sich zuhause behalten, hatte mir das Lesen beigebracht und mich wohl auch zum Muttersöhnchen verhätschelt.

Wenn dann der Unterricht begann, wurde es ruhiger. Aber leider nicht interessanter. Da ich schon lesen konnte, die anderen Kinder aber noch mühselig Karten dechiffrieren mussten, auf denen „Pilz“, „Haus“ oder „Baum“ stand, schlug die Lehrerin meiner Mutter nach einiger Zeit vor, mir eins meiner Bücher von zuhause mitzugeben. Da saß ich dann im Klassenzimmer auf einer Extrabank und las von Cowboys und Indianern, während meine Mitschüler mit den Vokalen und Konsonanten im Wortschatz kämpften. Zur besseren Integration in die Klassengemeinschaft trug das nicht bei, wie sich denken lässt.

Wir wohnten damals in Oberricklingen, wo nach dem Krieg ein großes Wohngebiet entstanden war, in dem meine Eltern eine 3-Zimmer-Wohnung von 45 Quadratmetern Größe bekommen hatten. Sie lag im 2. Stock, hatte ein Badezimmer mit einem Badeofen, den mein Vater freitags – dem Badetag – mit Holz befeuerte, so dass wir alle nacheinander baden konnten. In der Stube stand ein Kohleofen, dessen Kraft aber bei strengem Winterfrost nicht ausreichte, die vereiste Fensterscheibe in unserem Kinderzimmer aufzutauen, auf der sich Eisblumen gebildet hatten und das ich mir mit meinen beiden Brüdern teilte.

Straßenbahn Tw 223 als Kinderbahn bei der Streckeneröffnung Oberricklingen auf der Wallensteinstraße. (Foto: ÜSTRA Archiv)

Hannovers neue Wohngebiete wurden in den fünfziger Jahren mit neuen Straßenbahnlinien erschlossen. Es gibt in der ÜSTRA Chronik „Unterwegs in Hannover – 125 Jahre Üstra“ von Michael Narten und Achim Uhlenhut ein Foto von der Einweihung der neuen Gleise an der Haltestelle Wallensteinstraße in Oberricklingen. Während die ÜSTRA Kapelle ein Ständchen spielt, umringen Kinder einen extra für sie eingesetzten Sonderzug. Im Hintergrund sieht man die Thomas-Kirche am Oberricklinger Markt. Das Foto ist vom 11. November 1956. Einen Tag später wurde ich geboren.

Die neue Straßenbahn nach Oberricklingen wurde rund zehn Jahre später zu einem festen Teil meines Schulwegs, nachdem mein Bruder und ich ab der fünften Klasse die Realschule Am Lindener Berg besuchten. Nach einem zehnminütigen Fußmarsch erreichten wir die Haltestelle Wallensteinstraße, von wo die Linie 7 zum Fasanenkrug und die 14 nach Kleefeld fuhren. Wir konnten beide Linien nehmen, denn wir mussten nur bis zum Schwarzen Bären. Beim Ausbau der Straßenbahnen war hinter der Wallensteinstraße an der Hamelner Chaussee eine Wendeschleife entstanden, die es ermöglichte, die damals modernen Großraumzüge einzusetzen. Mit ihrer hohen Stirnseite und den übereinanderliegenden Scheinwerfern machten diese Straßenbahnen in ihrem charakteristischen Beige einen majestätischen Eindruck auf mich.

Die „Ringlinie“. (Foto: ÜSTRA Archiv)

Am Schwarzen Bären mussten wir umsteigen. In der Ricklinger Straße stoppte die Straßenbahn, an der Apotheke in dem roten Backsteingebäude vorbei ging es hinüber in die Deisterstraße, wo der Bus Nummer 22 auf uns wartete – die Ringlinie. Auf ihr waren damals noch die guten alten Büssing-Busse mit ihren dicken Polstern und ihrer kräftigen Heizung im Einsatz. Über die Lindener Alpen hinweg ging es so zur Realschule.

Viele, viele hundert Male habe ich diesen Weg genommen, in dunkler Winternacht und strahlendem Sonnenschein, müde und bedrückt auf der Hinfahrt, wenn ein langer Schultag wie der Mount Everest unüberwindbar vor mir lag, froh und glücklich auf der Heimfahrt mit der Aussicht auf einen Nachmittag, der nur mir allein gehören sollte. Straßenbahn und Bus waren der Ort, auf den letzten Drücker Hausaufgaben zu erledigen. Das setzte gute Streckenkenntnisse voraus, denn vor engen Kurvenradien war der Füller rechtzeitig aus dem Schulheft zu nehmen, bevor die Fliehkräfte am Arm zogen. Hier war aber auch der Ort, wo aus mitfahrenden Klassenkameraden allmählich Freunde wurden. Denn die waren – das lernte ich damals, und nicht aus Büchern – das Beste an der Schule.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Welch schöne Fotos, die mich mit vielen Details an meine Heimat Ricklingen erinnern, wo ich, Jahrgang 1950, in der Nordfeldstraße aufgewachsen bin. Ich besuchte die Waldorfschule am Maschsee. Wenns das Wetter zuließ, gings per Fahrrad dort hin: durch die Ricklinger Masch, am ehemaligen Mövebad vorbei, hinter der Bahnüberführung über die Schwienbrücke und dann am See entlang zum Ziel. War es kälter, führte der Schulweg von der Haltestelle Beekestraße mit der Straßenbahn zur Station Wallensteinstraße und dann am Riki-Kino vorbei in den Friedländer Weg. Dort startete ein Bus, der Waldorfschüler transportierte. Es war ein Fahrzeug, in dem der Motor noch vom Fahrgastraum aus erreichbar war; er war unter einer grauen „Haube“ verborgen, unter der es rumorte. – Das Debakel mit dem unnötigen „Lesenlernen“ kenne ich nur zu gut. Ich konnte schon sehr früh fließend lesen, und so war auch für mich der Unterricht, in dem die anderen Kinde mühsam mit dem Zeigefinger die Textzeilen entlangfuhren und langsam mit Mühe „vorlasen“, entse tzlich langweilig. Leider war meine Lehrerin nicht so nett, mir das Mitbringen eigener Bücher zu erlauben, und so überbrückte ich die für mich öden Stunden mit allerlei Unfug, der mir so manchen Tadel eintrug…

  2. Danke für den tollen Beitrag, auch wenn ich noch nicht ganz so alt bin, kann ich mich noch gut an die Straßenbahnen in Ricklingen zurück erinnern. Allerdings würde mich gerne mal die Streckenführung von damals interessieren, bei der die Straßenbahn auf dem ersten Bild links in den heutigen Schulwinkel einbog.

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