Auf den Spuren der Zugsicherung
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Auf den Spuren der Zugsicherung

Mit 70km/h durch die Innenstadt von Hannover – was oberirdisch absolut verboten ist, dürfen die Stadtbahnfahrer der üstra zumindest im Tunnel. Denn dort übernimmt ein ausgeklügeltes Sicherheitssystem die Verkehrsüberwachung und ermöglicht den Fahrern damit die schnelle, aber doch sichere Durchfahrt. Denn das „U“ in „U-Bahn“ steht für „unabhängiger Bahnkörper“ und meint eine Strecke ohne jeglichen Einfluss durch andere Verkehrsteilnehmer. Dort fahren die Fahrer „nach Signal“, das bedeutet die Fahrt erfolgt auf technisch gesichertem Fahrweg. Die Zugsicherung (ZS) ist unterirdisch für die sichere Durchfahrt verantwortlich, sie gibt durch die Signale die Höchstgeschwindigkeiten in Abhängigkeit der aktuellen Streckenbelastung vor und stellt die Weichen.

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Stellwerk is watching you

Fährt eine Bahn in den Tunnel, wird bei der Einfahrt ihre Zugnummer – Linie, Kurs und Ziel – durch die ortsfeste Meldungsübertragung an den Zuglenkrechner des zugeordneten Stellwerks gesendet. Dieser ermittelt die zweckmäßige Fahrstraße und erteilt dem Stellwerk einen Stellauftrag. Das Stellwerk überprüft den Zustand und die Verfügbarkeit der beanspruchten Komponenten (Gleis, Weichen, Signale) sowie die Zulässigkeit des Stellauftrags. Erst wenn alles in Ordnung ist und keine Fehlfunktion festgestellt wird, kann die Fahrstraße gestellt werden und die Bahn kann fahren. Wie schnell sie fahren darf, ergibt sich aus dem aktuell verfügbaren Bremsweg. Dem Zug wird diese ermittelte Höchstgeschwindigkeit übertragen und überwacht. Alle diese Abfragen erfolgen in wenigen Sekunden, sodass der Fahrgast und auch der Fahrer davon nichts mitbekommen. Gleichzeitig landen die Daten in den archivierenden Systemen und auf den Bildschirmen der Fahrdienstleiter in der Betriebsleitstelle. Im Regelfall arbeitet das System selbsttätig. Falls der Betrieb es erfordert, ist ein Eingriff durch den Fahrdienstleiter jedoch jederzeit möglich.

Distanz wahren und nicht über’s Ziel hinausschießen

Aber Signale und Weichen sind nicht die einzige Technik, die die Sicherheit im Tunnel gewährleistet. Vielmehr ist es das Zusammenspiel aus vielen Komponenten, denn sobald weitere Bahnen im Tunnelbereich sind, gibt es wesentlich mehr zu beachten. Die Zugbeeinflussung beispielsweise hat die Aufgabe diese dynamische Entwicklung des Stadtbahnbetriebs zu steuern und zu überwachen. Dafür ist der Tunnelfahrweg in Blockabschnitte unterteilt. Sind die vor einem Zug liegenden Blockabschnitte frei, zeigt ein Signal Fahrt (grün) und das Zugbeeinflussungssystem überträgt ein Streckenhöchstgeschwindigkeitssignal (70 km/h) auf das Fahrzeug. Diese Information wird im Fahrzeug gespeichert und überwacht. Sollte die gespeicherte Höchstgeschwindigkeit überschritten werden, kommt es zu einer Zwangsbremse. Außerdem werden die Geschwindigkeiten zu Beginn jedes neuen Abschnitts aktualisiert. Ist der nächste Blockabschnitt durch einen vorausfahrenden Zug belegt oder gerade erst frei geworden, aktualisiert das Stellwerk die Geschwindigkeiten und reduziert sie gegebenenfalls auf 30km/h oder Halt. Durch ständige Aktualisierung, sorgt das System für einen ausreichenden Bremsweg zur voraus fahrenden Bahn.

Skizze_Zugsicherung_üstraPROFIL_WEBPlanmäßig fahren die Bahnen in einem ausreichend großen Abstand, um zügig durch den Tunnel zu kommen. Kommt es jedoch oberirdisch zu Verspätungen, klappt auch der reibungslose Ablauf im Tunnel nicht mehr hundertprozentig. So kann es passieren, dass Bahnen im Tunnel warten müssen oder anderen Bahnen nur sehr langsam folgen können.

Sicherheitsnetz und doppelter Boden

Wesentliches Element für größtmögliche Sicherheit und Verfügbarkeit ist die Fehleroffenbarung, gemeinsam mit dem redundanten Aufbau vieler Anlagenteile. Fällt ein Bauteil aus, springt die Reserve ein. Gleichzeitig meldet das System einen Fehler, sodass das gestörte Bauteil schnellstmöglich ausgewechselt werden kann.

Der Stellwerksrechner ist das "Gehirn" der Zugsicherung und mehrfach abgesichert.

Der Stellwerksrechner ist das „Gehirn“ der Zugsicherung und mehrfach abgesichert.

Das Netzwerk aus den sechs Stellwerken und der Leitstelle ist ringförmig aufgebaut. Sollte ein Knotenpunkt ausfallen wird dies gemeldet und die Informationen werden über einen zweiten Weg übermittelt. Von Glühlampen mit zwei Glühfäden bis hin zu dem dreifach-diversitär aufgebauten Stellwerksrechner – im Tunnel gibt es immer einen Plan B.
Damit alles reibungslos funktioniert sind die Fachleute der Zugsicherungstechnik 365 Tage im Jahr im Einsatz. Die Kollegen kümmern sich um die Systempflege und die unmittelbare Störungsbeseitigung. Um die hohe Verfügbarkeit zu gewährleisten, werden viele Wartungsarbeiten auch nachts – in der Betriebspause – durchgeführt.
Die Stadtbahntunnel sind also weit mehr als dunkle Röhren unter unseren Füßen. Sie vereinen hohe Geschwindigkeiten, ausgeklügelte Technik mit den höchsten Sicherheitsstandards und sorgen damit dafür, dass die Hannoveraner schnell durch die City kommen.

[Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe des üstraPROFIL, welches auch abonniert werden kann.]

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