„Barrierefreiheit“ – ein großes Wort mit großer Bedeutung für den Nahverkehr
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„Barrierefreiheit“ – ein großes Wort mit großer Bedeutung für den Nahverkehr

Barrierefreiheit – ein großer Überbegriff, der viele Leute abschreckt: „Jaja, rollstuhlgerecht, das ist schon wichtig.“ Ja! Barrierefreiheit ist gesellschaftlich und bautechnisch sehr wichtig, aber hinter dem Wort verbirgt sich viel, viel mehr als nur rollstuhl- oder „behindertengerecht“. Wie groß das Thema tatsächlich ist und wie ein jeder von uns von einem nützlichen und zugleich komfortablen Design im Nahverkehr profitiert, zeigt unser Rundumschlag zum Thema Barrierefreiheit.

Den schweren Koffer über die Klapptrittstufen in die Stadtbahn hochhieven, mit dem Kinderwagen in der Tür stehen bleiben müssen, weil es im Fahrzeug zu eng ist, um zu rangieren oder immer die Kopfhörer aus den Ohren nehmen, um zu hören, an welcher Haltestelle der Bus als nächstes hält – das alles ist (fast) nicht mehr nötig. Dank der barrierefreien Lösungen, von denen mobilitätseingeschränkte ebenso wie alle anderen Fahrgäste profitieren. Das „Universal Design“ – die Gestaltung für alle, ohne Sonderlösungen für einzelne Gruppen – zieht sich  durch die Ausstattung unserer  Fahrzeuge über den Zugang zu Haltestellen und Stationen bis hin zu deren Beschilderung und den Informationssignalen.

Voll auf der Höhe: Hochbahnsteige, Stationen und Haltestellen

Fangen wir dort an, wo eine Fahrt mit dem ÖPNV beginnt: An der Haltestelle.
Bei der Stadtbahn ist der Hochbahnsteig das A und O für einen barrierefreien Zugang, mit ihm ist das ebenerdige und nahezu lückenlose Ein- und Aussteigen in unsere sogenannten Hochflurwagen möglich (wenn ihr euch fragt, warum es in Hannover keine Niederflurbahnen und damit flache Bahnsteige gibt, schaut mal hier vorbei). Jeder Hochbahnsteig verfügt über wichtige Orientierungshilfen: Zum Beispiel die taktilen Leitstreifen, die Menschen mit Sehbehinderung eine Orientierung zum Abstand zur Bahnsteigkante geben und auch für sehende Fahrgäste die „bitte zurückbleiben-Kante“ bilden. Auf diesen Leitstreifen finden sich in regelmäßigen Abständen größere Quadrate mit hervorgehobenen Punkten. Auch sie erleichtern sehbehinderten Menschen den Einstieg, indem sie die Halteposition der Türen markieren. Zusätzlich finden sich an den Zugängen zu den Hochbahnsteigen Plaketten mit Braille- und Pyramidenschrift, auf denen für blinde Menschen geschrieben steht, in welche Fahrtrichtung die Bahn an diesem Bahnsteig fährt.

Bei der Ankündigung der einfahrenden Stadtbahn werden gleich zwei Sinne angesprochen: Die digitale Fahrgastinformation visualisiert, welche Linie, mit welchem Ziel und mit wie vielen Wagen als nächstes hält. Akustisch wird die Bahn ebenfalls angekündigt: „Linie 3, Langzug, Wettbergen“. So erhalten alle Fahrgäste – auch Menschen, die schlecht sehen oder hören können oder auch Leute mit Musik auf den Ohren – die nötigen Informationen zum einfahrenden Fahrzeug.

Insgesamt verfügt das Stadtbahnnetz über 195 Haltestellen. 19 davon sind Tunnelstationen, die über einen oder mehrere Aufzüge auch mit Rollstuhl, Rollator oder Kinderwagen problemlos zu erreichen sind. Mittlerweile sind 141 Stadtbahnhaltestellen mit Hochbahnsteigen ausgestattet und je nach Witterung und Aufwand kommen pro Jahr zwei bis drei neue Hochbahnsteige dazu.

Hoch hinaus: Wachsende Bordsteinkanten an Bushaltestellen

An immer mehr Bushaltestellen finden sich ebenfalls Leitstreifen und –punkte zur besseren Orientierung. Außerdem wird die Bordsteinkante beim barrierefreien Umbau einer Bushaltestelle angehoben, um auch hier einen nahezu ebenerdigen Zustieg zu ermöglichen. Inzwischen sind es rund 400 Haltepositionen im hannoverschen Stadtgebiet, die entsprechend erhöht sind und jährlich werden 20 bis 25 weitere ausgebaut.

Evolution der Stadtbahn

An den drei verschiedenen Stadtbahngenerationen, die in Hannover unterwegs sind, kann man sehen, wie sich die Bedeutung der Barrierefreiheit in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt hat. Denn ehrlicherweise wurden die Ansprüche und Fähigkeiten von mobilitätseingeschränkten Personen bei der Entwicklung des TW 6000 (unserer ältesten, grünen Stadtbahn) nicht berücksichtigt. In den 1960er Jahren als das Stadtbahnsystem geplant wurde, nutzten Menschen mit Handicap zumeist gesonderte Fahrdienste.
Im TW 6000 hatte der Sitzkomfort Vorrang: Die Vierer- bzw. Zweiersitzgruppen sind so angeordnet, dass heute ein Durchkommen mit Rollator, Kinderwagen oder Fahrrad schwierig ist. Auch wenn ich mit dem Wocheneinkauf oder der Sporttasche durch den 6000er gehe, muss ich ziemlich aufpassen, dass ich nicht laufend die sitzenden Fahrgäste anrempele. Der Türbereich in den grünen Stadtbahnen ist ebenfalls enger als bei den beiden Nachfolgern. Es gibt  dort eine Mittelstange, die den Eingangsbereich unterteilt. Um mobilitätseingeschränkten Fahrgästen dennoch genügend Platz beim Ein- und Ausstieg zu bieten, wurde diese Stange über die Jahre in der mittleren Tür der meisten TW 6000 entfernt – dies ist zu erkennen an dem orangenen Streifen an der Außenseite der Stadtbahnen über der jeweiligen Tür.

Zu erkennen am orangenen Streifen über der Tür: der verbreiterte Einstieg ohne Mittelstange im TW 6000. (Foto: Florian Arp)

Bei der Planung der beiden Folgefahrzeuge, wurden die Ansprüche und Interessen mobilitätseingeschränkter Gruppen von vornherein berücksichtigt. Sowohl der TW 2000 (Silberpfeil) als auch der neueste TW 3000 sind in ihrer Form „bauchiger“ als die erste hannoversche Stadtbahn. Damit kommen die Türen und der Fahrgastraum dichter an die Bahnsteige ran, sodass der Spalt beim Einstieg möglichst gering ist. Mittelstangen im Türbereich gibt es nicht mehr – das bedeutet: mehr Platz beim Ein- und Ausstieg.
Mehr Platz und Geräumigkeit bieten auch die Innenräume: Die Längsbestuhlung erlaubt mehr Bewegung, egal ob mit Kinderwagen oder Rollstuhl. Die nach außen gebogenen Haltestangen schränken die Durchgangsbreite ebenfalls nicht ein. Und mit den Mehrzweckbereichen in diesen Stadtbahnen gibt es extra Stellplätze für Kinderwagen, Rollstühle, Fahrräder bzw. klappbare Sitze, vor oder neben die der Rollator oder der Reisekoffer dann immer noch gut passen.

Busse zum Niederknien

Dass alle Bushaltestellen nach und nach erhöht werden, wissen wir ja schon. Zusätzlich können sich unsere Niederflurbusse (keine Stufen im Innenraum wie früher oder wie Reisebusse) aber sogar zum Bordstein „herunterknien“. Durch das sogenannte „kneeling“ kann das Fahrpersonal die Luftfederbälge im Bus auf der Einstiegsseite solange entlüften, bis sich das Fahrzeug zur Seite absenkt und so den Abstand zur Haltestellenkante verringert wird. Für einen gänzlich lückenlosen Einstieg sind alle ÜSTRA Busse mit Rampen ausgestattet, die im Bedarfsfall (elektrisch) ausgefahren oder (mechanisch) ausgeklappt werden.
Im Bus selbst gibt es ebenfalls einen Mehrzweckbereich, der Platz für den Rollstuhl oder den Kinderwagen bietet. In unseren neuesten Elektrobussen ist dieser Bereich sogar nochmals vergrößert worden.

Die akustische Ansage sowie optische Anzeige der nächsten Haltestelle gibt es übrigens auch in allen Fahrzeugen: Im Bus und in den TW 2000 und TW 3000 zeigen Bildschirme mit der „Perlschnur“ an, welche Haltestellen samt Umsteigemöglichkeiten als nächstes kommen. Im TW 6000 steht der kommende Halt auf den Anzeigen vorne und hinten in der Bahn. Zusätzlich wird der Halt auch über Lautsprecher angekündigt.   

Auf Augenhöhe

Die Haltewunschknöpfe in den Fahrzeugen sind für Menschen im Rollstuhl oder kleinere Personen schwer zu erreichen. Darum gibt es in allen Bussen zusätzliche Haltewunschknöpfe auf Sitzhöhe. Im TW 3000 ist das ebenfalls berücksichtigt worden – hier gibt es auch Sprechstellen auf Sitzhöhe.

Neben der höheren Sprechstelle an den Türen des TW 3000 gibt es ebenso welche auf Sitzhöhe. (Foto: Florian Arp)

Verantwortung gegenüber allen Fahrgästen

Durch all diese Überlegungen und Gestaltungselemente wird der Nahverkehr der ÜSTRA für alle nutzbar. Sollten dennoch Sorgen und Ängste vor einer Fahrt mit Bus oder Bahn bestehen, wissen wir auch hier zu helfen: Wir bieten regelmäßig Trainings für mobilitätseingeschränkte Fahrgäste an, die dort mit einem rollstuhlfahrenden Trainer, den sicheren Ein- und Ausstieg sowie die Bewegung in den Fahrzeugen üben können.
Außerdem besuchen wir mit einem Bus Pflege- und Seniorenheime, damit die Bewohnerinnen und Bewohner dort mit ihrem (neuen) Rollator das sichere Bewegen in und am Fahrzeug trainieren können.

Ein weiteres Serviceangebot ist unser Fahrgastbegleitservice: Hier können mobilitätseingeschränkte Personen ihre geplante Fahrt anmelden und werden von der Haustür über die Bus- und Bahnfahrt bis zum Ziel von geschultem Personal begleitet.

Wer tatsächlich bis hierhin gelesen hat, der weiß nun, wie wichtig und vielseitig ein barrierefreier Nahverkehr wirklich ist – und wie jeder von uns mit Gepäck, schweren Einkäufen oder einfach Kopfhörern auf den Ohren davon profitiert.

Übrigens: Ein weiterer Begriff, der häufig Leser und Gesprächspartner zusammenzucken lässt, ist das Wort Nachhaltigkeit. „Heutzutage gilt ja alles als nachhaltig!“, ist ein oft gehörtes Vorurteil. Damit räumen wir aber auf einer anderen (Blog-)Seite auf, wenn wir euch in Kürze erzählen, wie grün die ÜSTRA ist.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo

    Das Bild mit dem Rollstuhlfahrer und dem 6000er zeigt einen Höhenunterschied zwischen Bahnsteig und Fußboden der Bahn. Der ist sicher nicht von allen Rollstuhlfahrenden aus eigener Kraft zu überwinden. Auch bei den schweren E-Rollis habe ich starke Zweifel an der Barrierefreiheit. Die kleinen Vorderräder stellen sich bei solch einem Hindernis quer. Dennoch werden TW6000 als „barrierefrei“ bezeichnet, wenn die Mittelstange an einer Tür entfernt ist. Damit ist aber nur ein Teil der Barriere beseitigt. Der Höhenunterschied bleibt.
    Mit freundlichen Grüßen
    Friedrich Odening

    • Hallo Herr Odening,
      ja, der TW 6000 ist weniger leicht zugänglich. Neben dem leicht höheren Fahrzeug liegt das auch an dem Spalt zwischen Bahnsteigkante und Bahn. Die nachfolgenden Fahrzeuge kommen mit ihrer bauchigen Form dichter an den Bahnsteig heran. Deswegen sprechen wir hier auch von einer Evolution der Stadtbahnfahrzeuge. Das Thema Barrierefreiheit hat in die Planung des TW 6000 leider noch keinen Einfluss gefunden damals. Durch Umbaumaßnahmen wie die Entfernung der Mittelstange konnte er barriereärmer gestaltet werden.
      Viele Grüße
      Mandy Hupe

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