Das Gutmensch-Experiment: Tanz der Spiegelneuronen
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Das Gutmensch-Experiment: Tanz der Spiegelneuronen

Neulich war wieder so einer dieser Muffelmorgen. Der Tag begann damit, dass ich – viel zu spät und viel zu verschlafen – nach einer gefühlten Ewigkeit im Winterwind in die Stadtbahn an meiner Heimat-Haltestelle Lortzingstraße einsteigen wollte, doch ein Pulk von Pendlern blockierte die Tür. Ich hetzte ein paar Meter weiter zum nächsten Einstieg und murmelte, während ich mich hineinschob, patzig und genervt so etwas wie „Hallo, geht’s noch?“ in meinen Schal. Wortlos und nicht minder muffelig schoben sich die zwei Fahrgäste, die sich direkt in der Tür breit gemacht hatten, knapp 30 Zentimeter zur Seite in Richtung Bahninneres, während die restlichen Menschen stur im Türbereich stehen blieben. Dabei findet man im Wageninneren immer einen Platz. Es ist erstaunlich, dass sich alles immer in den Türbereichen staut. Jedoch ist genau dies der Grund, warum das Ein- und Aussteigen behindert wird. Ich schob mich durch die Menschenmenge und war über das unfreiwillige Kuscheln wenig glücklich.

Auf der Rückfahrt war es ähnlich eng und die Stimmung unterirdisch: Ungewollt wurde ich am Kröpcke zu einer Drehung gezwungen, weil zugleich jemand vor und hinter mir aussteigen wollte. Innerlich fluchte ich: „Ja, wo soll ich denn hin, ihr Armleuchter.“  Und auch die Tage darauf wurden nicht besser, was Fülle und Laune der mobilen Großstädter anging. Hinzu kamen auf der Fahrt in den Feierabend mehr und mehr die Vorweihnachtseinkäufe dazu: Prall gefüllte Tüten, große Kartons, sogar ein Tannenbaum im TW 3000: Dezember im Öffentlichen Nahverkehr – das sind Großkampftage auf ganzer Linie.

Bitte lächeln

Ich musste mir also schleunigst etwas überlegen, um nicht allzu reizbar zu werden. Fahrrad oder Auto kamen daher nicht in Frage. Einige Strategien zum Bahnfahren, die ich noch aus Messezeiten parat hatte, hatte ich in den vergangenen Tagen schon erfolglos angewandt: Dampframme mit Ellenbogen ausfahren, schüchternes Durchdrängeln, lautes Diskutieren und intellektuelles Argumentieren. Alles ohne Erfolg. Ich handelte mir nur Ärger ein. Heute Morgen hatte ich eine letzte Idee, inspiriert durch einen Gutmensch-Artikel in der Wochenendbeilage. Überschrift: „Dem Leben mit einem Lächeln begegnen.“ Ich trug leuchtendroten Lippenstift auf und übte Lächeln vorm Spiegel. Es war morgens um sieben und die Welt war prinzipiell in Ordnung. Ein guter Tag für ein Gutmensch-Experiment.

Mit einem Lächeln geht vieles leichter. (Foto: Christine Wendel)

Linie 7 nach Wettbergen fuhr ein, darin Menschen, die müde auf Mobilgeräte blickten. Ich schob mich an zwei adrett gekleideten Jungbankern vorbei, die im Türbereich standen und nur kurz von ihren iPhones hoch schauten. Ich nutzte den Moment und lächelte sie an. Vielleicht bildete ich mir ihre Verwunderung ein, ihr Lächeln jedenfalls nicht. Es legte sich wie ein wärmender Mantel auf meine Schultern. Gestärkt und mit erwachtem Kampfgeist wiederholte ich das Szenario mit einer Mutter mit Kleinkind an der Hand. Auch sie folgte meiner Aufforderung zum Tanz der Spiegelneuronen und lächelte zurück. Motiviert von mir selbst dehnte ich auf dem Rückweg das Lächeln auf ein authentisch höfliches „Darf ich bitte mal durch?“ aus. Meine raumergreifende und freundliche Präsenz zeigte auch im Feierabendverkehr blitzschnell Wirkung. Mehrere Fahrgäste wichen freundlich zur Seite. Es entstand sogar eine kleine Gasse im Wagen. Ich fühlte mich plötzlich hofiert, schritt entsprechend stolz, gelassen und freundlich durch die Menge, die mir mit hochgezogenen Mundwinkeln begegnete. Geht doch!

Kurz vor der Station Markthalle/Landtag sprach mich eine Frau an: „Endlich mal jemand in der Bahn, der lächelt. Schönen Tag noch.“ Was für ein Return on Investment. Seither bin ich entspannt unterwegs, Sommer wie Winter!

Höflich fahren Sie besser! Regeln für ein freundliches Miteinander:

  • Auch wenn Sie nur kurze Strecken fahren: bitte gehen Sie in das Wageninnere durch und halten Sie so die Türen frei.
  • Die Stadtbahnen fahren in der Regel im Minutentakt. Es ist also nicht notwendig, noch den Fuß in die bereits schließende Tür zu rammen und sich in überfüllte Wagen zu quetschen. Die nächste Bahn kommt bestimmt.
  • Achten Sie darauf, zügig aber respektvoll einzusteigen. Auch die Fahrer wollen ihren Fahrplan einhalten.
  • Ob man richtig steht merkt man daran, dass die sich die Türen schließen, weil die Lichtschranken und Trittstufen freigegeben sind.
  • Rucksäcke oder große Handtaschen sollte auf dem Boden zwischen den Beinen abgestellt werden, damit man niemanden verletzt oder gar kleine Kinder damit „umhaut“.
  • Machen Sie Platz für ältere Menschen, Kinder und Menschen mit Behinderungen. Auch Kinderwagen haben ihre Berechtigung in den Bahnen.
  • Grüßen Sie ein- und aussteigende Gäste freundlich – die Gesichter Ihres Gegenübers sind herrlich, Sie werden Ihre wahre Freude haben.

Mehr Informationen finden Sie auch im Stadtbahn-Knigge.

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