Der Eingleisprofi
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Der Eingleisprofi

Für mich als Neuzugang – ich bin seit dem 1. Januar im Dienst – ist die ÜSTRA fast jeden Tag eine wunderbare Entdeckungsreise. Sehr schnell führt sie einen dorthin, wo das ÜSTRA Herz pulsiert, also auf die Betriebshöfe. Zum Beispiel auf Glocksee, wie alle sagen, so wie Fußballfans in Gelsenkirchen sagen, dass sie „auf Schalke“ gehen. Auf Glocksee habe ich ein Gefährt entdeckt, das hinter der Werkstatt in einer Garage steht und mir zuerst dadurch auffiel, dass die Garage für das Fahrzeug zu klein war oder das Fahrzeug für die Garage zu groß. So oder so: Das Fahrzeug lugte ein bisschen heraus wie ein neugieriges Kind, das auf sich aufmerksam machen will.

Wäre das was für das ÜSTRA Fahrtenbuch, fragte ich meine Kolleginnen und Kollegen. Na klar, lautete die Antwort, verbunden mit einer Nachfrage: Welchen Arbeitstitel sollen wir denn im Redaktionsplan notieren, was ist denn das für ein Fahrzeug? „Äh, das ist ein … Ach, schreibt einfach: Fliewatüüt.“ Und schon hatte ich meinen ersten Blog-Auftrag.

10 Meter lang, 900 000 Euro teuer: Das Unfallhilfsfahrzeug der ÜSTRA. (Foto: Florian Arp)

Flie, wa und tüüt

Vielleicht muss ich das mit dem Namen zum Anfang etwas erklären. Das Fliewatüüt ist der Star des Kinderbuchs „Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt“ aus dem Jahr 1967, und natürlich ist es später auch verfilmt worden. Dirk Goihl lächelt freundlich, als ich ihm davon erzähle. Er kennt das Fliewatüüt und weiß, dass das orange, zehn Meter lange Ungetüm, das er für das Fahrtenbuch aus der Garage gefahren hat, weder „flie“ (fliegen wie ein Hubschrauber) noch „wa“ (schwimmen auf dem Wasser wie eine Ente) kann und auch nicht mit Himbeersaft aus dem Vorratskeller angetrieben wird. Aber „tüüt“, das geht, doch dazu kommen wir später.

Ein Fahrzeug – viele Namen

Das Werkstattfahrzeug der ÜSTRA alias Unfallhilfsfahrzeug. (Foto: Florian Arp)

Dirk Goihl ist seit 1987 bei der ÜSTRA, hat dort gelernt und ist seit 2002 Gruppenleiter im Stadtbahn-Bereich Werkstatt. „Werkstattfahrzeug“ steht in weißer Schrift auf dem Wagen, der eigentlich zwei „Titel“ hat, wie Goihl erzählt: Bergungsfahrzeug oder – und unter diesem Namen ist es gemeldet – Unfallhilfsfahrzeug. Voraussetzung zum Fahren ist ein Führerschein der Klasse C (Straße und Schiene). Goihl und 17 weitere Kollegen dürfen das Fahrzeug steuern, das zum Glück nur sehr selten zum Einsatz kommt, nämlich immer dann, wenn eine Stadtbahn entgleist ist, angehoben werden muss oder sich nicht mehr bewegen lässt. Um auch einen TW 3000 mit seinen 39,8 Tonnen Gewicht ziehen zu können, wurde das Unfallhilfsfahrzeug mit einer Schlepplast von 80 Tonnen vor sechs Jahren angeschafft und ist seit 2017 im Einsatz, auf dem Tacho stehen gerade mal 7700 Kilometer. Goihl kennt das 900 000 Euro teure Fahrzeug und seine Daten aus dem Effeff, hier kommen sie in seinem Schnelldurchlauf: „10 Meter lang, 2,45 Meter hoch, auf Schienen sogar 2,65 Meter, Schweizer Breite von 2,35 Meter, also schmaler als ein normaler LKW, sonst könnten wir nicht in den Tunnel fahren.“

Auf Schiene und Straße

Wenn die Reifen in der Luft hängen… (Foto: Florian Arp)

Das Unfallhilfsfahrzeug der ÜSTRA ist eine Sonderausführung aus der Nachbarschaft. Und es kann, was das Fliewatüüt von Erfinder Tobias „Tobbi“ Findteisen nicht kann – auf Straße und Schienen fahren. Die Hilton Kommunal GmbH aus Gehrden hat einen MAN TGS 26.360 6×4 umgebaut, das Fahrzeug verfügt über zwei Drehgestelle, wovon das hintere einen Schwenkbereich von 100 Grad für schnelles Ein- und Ausgleisen aufweist. Die Spurweite beträgt 1435 Millimeter, die Höchstgeschwindigkeit auf Schienen liegt bei 30 km/h. Aufgebaut ist ein GFK-Containermodul mit hydraulischer Ladebordwand, die bis auf Schienenoberkante absenkbar ist. Zusätzlich ist das Fahrzeug mit zwei Seilwinden und einem 30 KVA Stromgenerator ausgestattet.

Mit der Hand am Joystick

Mit dem Joystick wird das Fahrzeug auf Schienen gesteuert. (Foto: Florian Arp)

Um das Eingleisen zu erklären, also die Verwandlung vom Straßenfahrzeug in ein Schienenfahrzeug, bittet Goihl in den Fahrerstand. Dort sieht es nur auf den ersten Blick aus wie in einem „normalen“ LKW: Lenkrad, Funkgerät, Fahrtenschreiber, Monitor, Automatikschalter, Lüftung und, und, und. Rechts neben dem Fahrersitz aber sieht es anders aus. Ist das da etwa ein Joystick? Und was macht man mit dem schwarzen Board und seinen 16 Schaltern? „Mit dem Joystick steuere ich das Fahrzeug auf den Schienen“, erklärt Goihl, bei dem jede Handbewegung sitzt. „Um die Schienenfahreinrichtung freizugeben, drücke ich den Schalter mit der Nummer 3, dann muss ich rausgehen und hinten die Schienenfahreinrichtung eingleisen, dann geht’s wieder rein, um mit Schalter Nummer 5 auch die zweite Fahreinrichtung einzugleisen.“ Alles Übungssache, und genau das steht regelmäßig auf dem Plan. „Eingleisen wird regelmäßig geschult, am besten arbeitet man immer zu zweit, dann kann einer hinten gucken, ob das Fahrzeug richtig steht. Wenn Du geübt bist, dauert das fünf Minuten.“

Erst die 3, dann die 5. (Foto: Florian Arp)

Das Einsatzkommando für das Unfallhilfsfahrzeug kommt von der Leitstelle auf dem Betriebshof Glocksee, von dort gibt es auch die Genehmigung zur Fahrt mit Sonderrecht (Blaulicht). „Wenn die Leitstelle der Meinung ist, dass die Bahn angehoben werden muss, dann rufen die uns raus“, sagt Goihl. „Für unsere Mitarbeiter ist das das Schlimmste. Wir haben in der Werkstatt eine Tröte, die losgeht, wenn der Anruf aus der Leitstelle kommt. Bei der Information, dass eine Person unter der Bahn liegt, verändert sich bei dem einen oder anderen die Gesichtsfarbe, denn wir sind ja keine Sanitäter, sondern Industriemechaniker, Elektroniker oder Mechatroniker.“

Dirk Goihl und sein starkes Team

Eingespielte Abläufe: Dirk Goihl ist einer von insgesamt 18 Fahrern, die das Unfallhilfsfahrzeug steuern dürfen. (Foto: Florian Arp)

Die Abläufe in Goihls Team sind einstudiert. „Wenn wir rauskommen zu einer Entgleisung, machen wir uns erst einmal ein Bild: Wie steht die Bahn, was ist es für eine Bahn? Der 6000er geht einfach, der 3000er auch, der 2000er ist ein bisschen tricky, weil sich das mittlere Gestell nicht dreht“, sagt er. Die ÜSTRA unterstützt dabei die Feuerwehr, mit der auch diese Zusammenarbeit regelmäßig geübt wird. Mit Hilfe von Verschiebeeinheiten, sogenannten Eingleisbrücken, können Goihl und Co. eine Stadtbahn auch aus dem Gleis nehmen. Diese Eingleisbrücken sind nicht nur „etwas unhandlich“, wie Goihl mit einem Augenzwinkern sagt, sie sind auch – ich kann das bestätigen – verdammt schwer. „Wenn Du die 50 Meter tragen musst mit drei oder vier Mann, dann weißt Du, was Du getan hast“, sagt Goihl. Nur wenn eine Stadtbahn auf die Seite kippt, wie 2012 auf der Wendeschleife Messe Ost, dann kann auch das Unfallhilfsfahrzeug nichts ausrichten, dann ist ein Spezialkran gefragt.

Kochtöpfe und Plattenteller

Was nicht fehlen darf, ist natürlich ein Blick in den Containeraufbau, der ein wahres Platzwunder ist. Das Geheimnis bei den unzähligen Hilfsmitteln lautet schlicht und einfach: Ordnung. „Alles ist immer an dem Platz, wo es hingehört“, sagt Goihl. Und muss es mal schnell gehen, wird nach einem Einsatz am nächsten Tagen wieder in Ruhe alles einsortiert und auf Funktionsfähigkeit überprüft. Und was steckt nun alles in dem Unfallhilfsfahrzeug? Goihl schiebt an der Seite die Rollläden hoch, fährt die Hebebühne hinten runter und klettert hinein. Was er herauszaubert, lässt einen staunen. Das passt da wirklich alles rein? Zig verschiedene Hydraulikheber, um eine Stadtbahn anzuheben, in ganz unterschiedlichen Größen und Formen. Einige sehen aus wie Kochtöpfe, andere wie Plattenteller mit Zylinder. Schwere Holzblöcke, die zum Unterfüttern gebraucht werden, falls ein Hydraulikheber mal absackt – Sicherheit geht immer vor. Schläuche für Hydraulikanschluss. Eine 90 Kilogramm schwere Koppelstange, die beim Abschleppen zum Einsatz kommt, damit die Bahn beim Bremsen nicht auf den Wagen rollt. Notachsen, wenn Radreifen gebrochen sind oder es einen Achslagerschaden gibt. Handpumpen, um „schnell einen ersten Hub machen und die Bahn anheben zu können“, wie Goihl erklärt.

Und immer gilt: Sicherheit geht vor. „Wir hatten noch keinen Arbeitsunfall“, sagt Goihl und sucht ein Stück Holz, auf das er schnell klopft. „Alle gehen mit Respekt vor, auch mit dem Wissen, dass es schnell gehen muss, aber eben auch immer mit Vorsicht. Wenn eine Bahn mit 40 Tonnen absackt, musst Du schon aufpassen.“

Blaulicht bei der Müllabfuhr?

Zum Abschluss erzählt Goihl, bei dem man die Freude an seinem Job bei der ÜSTRA spürt, noch eine kleine Anekdote. „Wenn wir zum Einsatz fahren und das Martinshorn anmachen, dann gucken viele Autofahrer in den Rückspiegel und denken wegen der orangen Farbe: Was will denn die Müllabfuhr mit Blaulicht – und fahren nicht zur Seite?!“ Mal davon abgesehen, dass die Müllabfuhr heute meistens in Weiß unterwegs ist: Das sind die Momente, in denen man sich wünscht, dass das ÜSTRA-Unikum fliegen könnte wie das Fliewatüüt.

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

    • Hallo Carsten, das haben Sie aufmerksam beobachtet und stimmt. Für eine gewisse Zeit bleiben die neuen Stadtbahnen immer erst einmal ohne Werbung.

    • Lieber Carsten, Corona hat uns in der Vergangenheit leider einen Strich durch alle Planungen gemacht. Ein Tag der offenen Tür ist auch für uns immer toll. Dieses Jahr jährt sich ja 150 Jahre Straßenbahnbau in Hannover. Wie wir das feiern können, sind wir gerade in Planung.

      • Hallo,

        Würde mich freuen, wenn dieses Jahr bei der Üstra wieder ein Tag der offenden Tür stattfinden würde.

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