Die „Unfallvermeider“:  Der Arbeitsalltag in der Stadtbahn
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Die „Unfallvermeider“: Der Arbeitsalltag in der Stadtbahn

„RIIIIIIIIIIING, RIIIIIIIIIIING, RIIIIIIIIIIING“, die Klingel der Stadtbahn ist nicht zu überhören. Das tonnenschwere Fahrzeug ist nicht zu übersehen. Und trotzdem rennen die beiden Kinder kurz vor dem heranfahrenden TW 2000 über die Schienen. Dass in solchen Situationen nichts passiert, liegt an Ilka Wendisch. Die Stadtbahnfahrerin verhindert, genau wie ihre Kolleginnen und Kollegen, durch eine aufmerksame und vorausschauende Fahrweise täglich Unfälle. Wir haben die „Unfallvermeiderin“ Ilka für das ÜSTRA Fahrtenbuch einen Tag begleitet.

Es kommt häufig vor, dass trotz Klingelsignal sowohl Kinder als auch Erwachsene über die Gleise laufen. (Foto: Florian Arp)

Als Ilka Wendisch am Dienstagmorgen mit der Bahn den Betriebshof Leinhausen verlässt, ist es noch stockdunkel. Kein Wunder, schließlich haben wir es erst kurz nach halb fünf in der Früh. „Ich mag das total gerne, wenn ich morgens sehe, wie die Stadt langsam erwacht“, erzählt Ilka, während sie die erste Runde auf der Linie 6 dreht.

Ilka Wendisch arbeitet gerne als Stadtbahnfahrerin, auch wenn der Job höchste Konzentration erfordert. (Foto: Florian Arp)

Hannover beim Aufwachen begleiten, das klingt entspannend und idyllisch. Allerdings ist im Fahrerstand der Stadtbahn für unsere Kolleginnen und Kollegen höchste Konzentration gefordert, egal zu welcher Tages- oder Jahreszeit. „Guck mal, wie viele Fußgänger und Radfahrer ziemlich dunkel angezogen sind. Die kann ich teilweise nur erahnen. Da machen es mir die Fahrradfahrer mit Warnwesten schon etwas leichter“, sagt Ilka, während sie die Schulenburger Landstraße in Richtung „Nordhafen“ fährt.

Am liebsten mit Blickkontakt:

So langsam wird es heller und mir fällt es etwas leichter, die Strecke zu überblicken. Wir halten an einer Haltestelle. Ilka schaut in den Spiegel, ob alle Fahrgäste eingestiegen sind und schiebt den Hebel zum Gas geben – den Sollwertgeber – mit der Hand behutsam nach vorne. Die Bahn setzt sich in Bewegung.

Bevor Ilka weiterfährt, schaut sie in den Spiegel, ob sie losfahren kann. (Foto: Florian Arp)

Während wir anfahren, beobachtet Ilka genau den Fußgängerübergang an der Haltestelle. Obwohl die Fußgängerampel rot zeigt, ist sie bremsbereit. „Ich finde es immer beruhigend, wenn ich zu den anderen Verkehrsteilnehmern Blickkontakt aufnehmen kann. Das gibt mir Sicherheit“, sagt sie und lächelt einem Pärchen zu, das an der Ampel wartet, bis die Stadtbahn vorbeigefahren ist.

Falls Fußgänger an Bahnübergängen stehen, sucht Ilka am liebsten den Blickkontakt. (Foto: Florian Arp)

Manchmal vergeht Ilka allerdings das Lachen: Und zwar wenn Passanten über die Straße rennen oder unerwartet losgehen. Manchmal habe Ilka den Eindruck, dass es vielen Leuten egal sei, ob da eine tonnenschwere Bahn ankommt oder nicht. Das Problem: Eine Stadtbahn kann nur bremsen und nicht ausweichen. Besonders die Menschen mit Handys in der Hand und Kopfhörern in den Ohren, machen unseren Fahrerinnen und Fahrern das Leben schwer und lassen den Puls unnötig in die Höhe steigen. „Vor allem viele junge Leute schauen nur aufs Handy, haben dann oft noch Musik auf den Ohren und achten nicht darauf, ob eine Bahn kommt. Man klingelt und es interessiert sie nicht – und dann muss ich in die Eisen gehen.“

Rote Ampeln und Warnhinweise werden gerne mal ignoriert. Schutz gegen Unfälle ist dann: vorausschauendes Fahren. (Foto: Florian Arp)

Letzte Option: die Gefahrenbremsung

Das letzte Mittel ist die Gefahrenbremsung. Hier werden alle Bremsen mit der höchsten Bremswirkung eingesetzt. Während des Bremsvorgangs wird Sand vor die Räder gestreut, um den fast 80 Tonnen schweren Stadtbahnzug möglichst rutschfrei und schnell zum Stillstand zu bringen. „Das ist dann auch für die Fahrgäste nicht schön. Ich muss jedes Mal abwägen, wie stark ich bremse, da die Fahrgäste nicht unbedingt mit einer Bremsung rechnen.“ Deshalb ist ein großer Schwerpunkt in der Stadtbahn-Ausbildung: vorausschauendes Fahren.

Per Quereinstieg zur Stadtbahnfahrerin:

Ilka Wendisch ist seit 2017 Stadtbahnfahrerin und das laut eigener Aussage „wirklich gern.“ Sie ist als Quereinsteigerin zur ÜSTRA gekommen. Nach einem Einstellungstest und einer betriebsärztlichen Untersuchung, ging es in die ÜSTRA eigene Fahrerakademie zum Lernen. Nach erfolgter Fahrausbildung und einer Eignungsprüfung, fährt der Fahranwärter oder die Fahranwärterin mit einem Lehrfahrer – also erfahrenen Kolleginnen und Kollegen, die eine Zusatzausbildung bekommen haben. Neulinge sind nicht sofort auf sich allein gestellt.

Ilkas ÜSTRA Laufbahn hat 2017 in der Stadtbahn-Fahrschule begonnen. (Foto: Florian Arp)

Immer aufmerksam sein und für andere mitdenken:

Auf einem Streckenabschnitt der Linie 6 teilen sich Stadtbahn und Autos die Fahrbahn. Plötzlich möchte ein roter Pkw aus einer Seitenstraße abbiegen. Ich habe den Wagen noch gar nicht richtig gesehen, da drosselt Ilka bereits seicht das Tempo und ihr rechter Fuß bewegt sich in Richtung Klingel-Pedal. Doch dann sieht sie, dass der Autofahrer die Bahn wahrgenommen hat und ein Stück zurücksetzt. Gefahr gebannt: wir können weiterfahren. „Man muss immer aufpassen und mit allem rechnen“, sagt Ilka, lächelt befreit und nimmt wieder Tempo auf. Die Fahrgäste in der Stadtbahn haben dank der vorausschauenden Fahrweise nichts von dem Manöver des Autos mitbekommen.

Der rote Pkw hat noch rechtzeitig gemerkt, dass eine tonnenschwere Stadtbahn auf ihn zu fährt. (Foto: Florian Arp)

Es gibt keine Gelegenheit zum Abschalten: Kurze Zeit später, biegt ein LKW kurz vor der Stadtbahn auf ein Firmengelände ab. Ilka Wendisch kennt die Strecke gut und hat vorsorglich leicht abgebremst. Man könnte die Stadtbahnfahrerin auch „Unfallvermeiderin“ nennen. „Ich muss immer den Rundumblick haben. Bei mir ist zum Glück noch nichts Schlimmes passiert“, sagt Ilka. „Aber ich musste schon öfter Gefahrenbremsungen machen.“ Einmal meldete sich sogar ein spontan aus der Parklücke herausfahrender Autofahrer am nächsten Tag bei der ÜSTRA. Er bedankte sich, dass Ilka ihn noch rechtzeitig per Klingelsignal gewarnt hatte. Das sei allerdings eher die Ausnahme.

Durch ihre Erfahrung hat Ilka bereits frühzeitig erkannt, dass der LKW abbiegen möchte. (Foto: Florian Arp)

Wenn man sich mit Ilka unterhält, merkt man, dass der Job als Stadtbahnfahrerin höchste Konzentration und Aufmerksamkeit erfordert. Schließlich hat man nicht nur die Verantwortung für sich und die Bahn, sondern auch für die Fahrgäste und die weiteren Verkehrsteilnehmerinnen und Verkehrsteilnehmer. „Einfach Gas geben? Das reicht nicht!“, sagt Ilka, als wir wieder auf den Betriebshof Leinhausen zurückkehren. „Wenn ich mir während der Arbeit etwas wünschen dürfte: Ich hätte gerne, dass alle Verkehrsteilnehmer aufmerksamer und rücksichtsvoller miteinander umgehen. Das würde nicht nur meinen Arbeitsalltag leichter machen, sondern wäre ein Gewinn für alle.“

Hast du auch Lust bei der ÜSTRA Stadtbahn zu fahren? Weiterte Infos zur Bewerbung findest du auf: uestra.de

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Mich erinnert das an vor ein paar Tagen, da war ich an der Haltestelle Bothfeld, die ja gerade umgebaut wird – und wollte mit dem Fahrrad rüberfahren, als eine Bahn kam – also kurz hoch geschaut und die Hand gehoben, damit der Fahrer weiß, dass ich ihn gesehen habe und vor den Gleisen halte.
    Ich habe selten ein so dankbares Lächeln und Zurückwinken gesehen wie dieses!

    • Hi Philip, danke, dass du als Fahrradfahrer ebenfalls vorausschauend unterwegs bist. Ein Verhalten wie deins, erleichtert unseren Kolleginnen und Kollegen den Arbeitsalltag immens! Viele Grüße Timo.

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