Die Evolution der Fahrkartenautomaten
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Die Evolution der Fahrkartenautomaten

Vom Menschen über den Wandschrank und die „Designer-Dose“ bis hin zum Smartphone: Der Fahrscheinerwerb hat sich im vergangenen Jahrhundert in seiner Funktionalität – vor allem aber in seinem Aussehen – stark gewandelt. In unserem Archiv sind wir auf verschiedenste Modelle gestoßen und nehmen euch mit auf Zeitreise: Die Evolutionsgeschichte der ÜSTRA Fahrkartenautomaten.

Vor dem Automatenzeitalter: Die Schaffnerinnen und Schaffner

Selbstverständlich gab es schon Fahrkarten bevor es Automaten gab. Die erste Bezugsquelle dafür waren die Schaffner, die in den Bahnen mitfuhren und zugestiegenen Fahrgästen gegen bare Münze die Fahrscheine ausgaben. So hatte jede Straßenbahn unterwegs eine feste „Besatzung“ samt Fahrer und Schaffnern.

Übrigens war der Schaffnerberuf lange kein Auslaufmodell: Bis die Fahrkartenautomaten tatsächlich flächendeckend vorhanden war, dauerte es einige Jahre. Die Einsatzzeit der Schaffnerinnen und Schaffner bei der ÜSTRA endete in den 1970er Jahren.

Die Messe-Neuheit 1958: Testlauf der ersten Fahrscheinautomaten in Hannover

Am Rande der „Deutschen Industrie-Messe“ (der heutigen „Hannover Messe“) testete die ÜSTRA erstmals den automatischen Fahrscheinverkauf. Drei Automaten wurden am Messe-Bahnsteig aufgestellt: Einer verkaufte „Umsteigefahrscheine“ (40 Pfennig), an den anderen beiden konnten „Geradeausfahrscheine“ (30 Pfennig) erworben werden.

Probelauf zur Hannover Messe 1958: Die ersten Automaten zur Unterstützung im Fahrscheinverkauf. (Foto: ÜSTRA Nachrichtenblatt)

Die Technik in den Automatensäulen war wahrscheinlich übersichtlicher als die mancher moderner Murmelbahn, wie die Technikbeschreibung in der Mitarbeiterzeitung von 1958 vermuten lässt:

Nach Einwurf von drei 10-Dpf-Stücken [Anmerkung für die jüngeren Leser: Deutsche Pfennig] durch den Fahrgast durchlaufen die Münzen den Münzprüfer. Sind die Geldstücke einwandfrei, fallen sie auf eine schräg liegende Rollbahn, an deren Ende zwei senkrechte Geldschächte hintereinander liegen. Die beiden ersten Geldstücke füllen den ersten Schacht, das letzte Geldstück rollt dann über den gefüllten ersten in den zweiten Schacht und löst hier einen Kontakt aus. Der Fahrschein wird gedruckt, transportiert und abgeschnitten. Er fällt durch einen Fahrscheinschacht in die Rückgabeschale. Bei Einwurf eines 50-Dpf-Stückes wird noch ein weiterer Kontakt ausgelöst. Hierdurch werden dann aus zwei Stapelrohren die beiden 10-Dpf-Stücke freigegeben und fallen in die Rückgabeschale.“

Immerhin: Diese ersten Test-Automaten gaben bereits Rückgeld – das konnte nicht jeder ihrer Nachfolger.

Bitte kurbeln: Der mechanische Fahrkartengeber

1965 folgten die ersten regulären Automaten in der Innenstadt. „Neue ‚Bedienstete‘ der Üstra – gelber Rock statt grüner Mütze“ titelte die Hannoversche Allgemeine Zeitung als das erste gelbe Automaten-Pärchen am Hauptbahnhof installiert wurde. Auch hier gab es wieder ein Produkt pro Automat: Für 2,40 DM konnten Geradeaus-Sammelkarten und am zweiten Automaten Umsteige-Sammelkarten für 3 DM erworben werden – vorausgesetzt man hatte das passende Kleingeld dabei.

Haltestelle Steintor (hier noch in der Georgstraße): Geld einwerfen, kurbeln, Fahrkarte ziehen. (Foto: ÜSTRA Archiv)

Kurz zuvor waren gerade die ersten automatischen Entwerter in einigen Straßenbahnen installiert worden. Nun konnte also erstmals die Fahrt angetreten werden ohne Schaffner oder Schaffnerin aufsuchen zu müssen.

Größer und mehr Produkte: Der Automaten-Typ „Wandschrank“

Mit Eröffnung der ersten Tunnelstrecke 1975 (Linie 12 zwischen Hauptbahnhof und Oberricklingen) schaffte man für die neuen U-Stationen neue Automaten an. Hier gab es ab sofort – fünf Jahre nach Gründung des Großraum-Verkehrs Hannover (GVH) – keine reinen ÜSTRA Fahrscheine mehr, sondern GVH-Sammel- und Einzelkarten.

Gegenüber den Kurbelautomaten der 1960er Jahre hatten sie sich auch immens vergrößert: Wie blaue Wandschränke standen die „Bollwerke“ in den Stationen. Hier konnten an einem Automaten jedoch auch verschiedene Fahrkarten gezogen werden – und das sogar für Erwachsene und Kinder (wie ihr seht, damals noch nicht gendergerecht dargestellt, ausschließlich durch männliche Piktogramme).

Eine weitere Neuerung im Vergleich zum Vorgänger: Der Entwerter war ebenfalls mit am „Fahrkarten-Schrank“ angebracht.

Die nächste Automatengeneration kam wesentlich größer daher. Von nun an gab es auch mehrere Fahrkartentypen an einem Automaten. (Foto: ÜSTRA Archiv)

Irgendwann wird Technik kompakter – wir kennen das von Handys und Laptops – und so wurde auch der blaue Fahrscheinautomat mit der Zeit kleiner – und bekam trotzdem noch eine Menge mehr Knöpfe und Funktionen. So akzeptierte diese Automatengeneration in den 1980er Jahren erstmals auch Geldscheine.

Kompakter und dennoch mehr drin: Die nächste Generation hatte weitere Funktionen und nähert sich vom Aussehen den heutigen Automaten an. (Foto: ÜSTRA Archiv)

Klein, aber „oh, nee“: tix und müx

Es folgt ein weniger erfolgreiches Kapitel der ÜSTRA Fahrkartenautomaten-Geschichte:
„tix“ war optisch eine völlige Neuheit, bekam für seine Gestaltung viel Applaus, gewann Designpreise, von der Öffentlichkeit gab es hingegen häufiger „Buh-Rufe“.

Auf der CeBIT 1996 erstmals präsentiert, sah die bargeldlose Ticketsäule aus wie DIE Revolution im Fahrscheinverkauf. Fahrkarten konnten an diesem Automaten nicht mehr mit Münzen bezahlt werden, sondern ausschließlich mit der sogenannten „Geldkarte“. Inzwischen wissen wir, dass diese aufladbare Karte sich nie richtig durchsetzte. Aus diesem Grund stießen auch die 500 Ticketsäulen namens „tix“, die ab 1998 eingesetzt wurden, auf wenig Gegenliebe. Also bekam „tix“ Unterstützung durch einen „Münzgeldakzeptator“, genannt „müx“ – eine weitere Säule, an der nun doch Münzen eingeworfen werden konnten.

Allerdings waren damit noch nicht alle Probleme beseitigt: „Müx“ gab zunächst nämlich kein Rückgeld – also wurden die Säulen erneut umgerüstet.

Zeitweise mussten während dieser Umbau- und Erweiterungsmaßnahmen sogar wieder Schaffner für den Barverkauf in den Stadtbahnen eingesetzt werden und auch die Stadtbahnfahrer verkauften damals Tickets– „Back to the roots“, wenn man so will.

„Panzerschrank“ statt „Getränkedose“: Die aktuelle Generation

tix und müx waren aber nicht bei allen unbeliebt: Diebe und Vandalen fanden Gefallen am „Münzgeldakzeptator“ – die erfahrenen Täter sollen nicht mal 20 Sekunden gebraucht haben, um den Automaten zu knacken.

Also musste die nächste Generation nicht nur benutzerfreundlicher, sondern auch vandalismussicher sein. Die jetzigen Automaten wurden darum in einer aufwendigen Marktforschung samt „Casting“ ausgewählt: So lieh sich die ÜSTRA fünf Automaten aus anderen Städten aus und ließ Mitarbeiter, repräsentativ ausgewählte Kunden, Vertreter von Fahrgast- und Behindertenverbänden und Schüler testen. Erstaunlicherweise fiel es den Testern jedoch an keinem der Automaten leicht genug ein Einzelticket zu kaufen – die Benutzeroberfläche wurde darum in einem späteren Schritt komplett neu entwickelt (Hand in Hand mit den Kunden). Wissenschaftlich wurde das Projekt zudem durch das Fraunhofer Institut begleitet – diesmal sollte es „absolute Transparenz“ und möglichst viel Akzeptanz bei der Automatenfindung geben.

Das Ergebnis der Entwicklung ist seit 2008 an den 196 Stadtbahnhaltestellen zu finden: Im Gegensatz zu seinem Vorgänger ist dieser Automat wieder „schrankförmiger“, aus Stahl – und damit wesentlich vandalismusbeständiger – und verkauft neben den Einzel- und Tageskarten auch Zeitkarten. Zusätzlich zum Bargeld, das er auch als Wechselgeld herausgibt, akzeptiert er ebenfalls EC-Karten. Die Zahlung per Geldkarte, auf die damals bei tix gesetzt wurde – ist seit Ende 2017 nicht mehr möglich. Dafür wurde die kontaktlose Bezahlung bei den Automaten Ende 2018 nachgerüstet und ab Ende 2020 ist auch die Bezahlung mit Kreditkarte möglich.

Bar, mit Karte oder digital: Der Fahrkartenverkauf der Zukunft

Nun kommen die aktuellen Automaten jedoch so langsam an ihre „Altersgrenze“. Nach 13 Jahren im Einsatz wird die Instandhaltung zunehmend schwieriger und Ersatzteile sind nicht mehr erhältlich. Darum bereitet die ÜSTRA die nächste Fahrkartenautomatengeneration vor: Derzeit wird ein Hersteller gesucht, mit dem dann die konkrete Ausgestaltung der Automaten sowie ein Prototyp entwickelt wird.

Zukünftig wird es drei verschieden Automatentypen geben – das steht bereits fest: Zwei Modelle werden in ihrer Form und Größe den aktuellen Geräten ähneln und auf die bestehenden Betonsockel an den Haltestellen gesetzt werden. Hier wird es Unterschiede in den Zahlungsfunktionen geben. Ein Automat wird weiterhin Bargeld akzeptieren, während am zweiten ausschließlich die bargeldlose Zahlung möglich sein wird. (Hinweis: An jeder Haltestelle im Stadtbahnnetz wird weiterhin die Barzahlung möglich sein, jedoch nicht zwangsläufig in beide Fahrtrichtungen.)

Neu hinzu kommen in den Tunnelstationen Service-Automaten mit einem großen Touchscreen die neben dem ebenfalls bargeldlosen Fahrkartenkauf über weitere Funktionen und Informationen rund um Mobilität und Aktivitäten in Hannover verfügen werden.

Der Fahrkartenautomat für die Hosentasche: Mit der neuen GVH App können Verbindungen gesucht und die passenden Fahrscheine gekauft werden. (Foto: Florian Arp)

Darüber hinaus gibt es natürlich noch den „kleinsten Fahrkartenautomaten der Welt“ – den haben viele von uns bereits in der Hosentasche. Wer die GVH App auf dem Smartphone nutzt, muss sich nicht mehr am Automaten an der Haltestelle anstellen, sondern kann seine Fahrkarte oder inzwischen auch seine Monatskarte einfach auf dem Weg zur Haltestelle kaufen und sofort einsteigen.

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Es wird Zeit, dass man Fahrscheine auch endlich digital kaufen kann und dann am Handy nur noch vorzeigen muss. Das dürfte doch nicht so schwer sein.

  2. Gibt es denn die Möglichkeit, bei der Üstra eine Geldkarte zu erwerben, auf die man einen überschaubaren Betrag speichern kann und die man ähnlich wie jetzt die EC-Karte zum Bezahlen an Automaten benutzt.
    Ich benutze in manchen Monaten den ÖPNV so selten, dass sich nicht für jeden Monat eine Monatskarte lohnt. Und manchmal möchte ich auch noch andere Personen mitnehmen, für die ich dann ein Einzelticket oder Einzeltagestickets kaufen muss.
    Die EC-Karte benutze ich nur ungern am Automaten, weil mir die zu wertvoll ist und ich sie deshalb besonders sicher verstaue. Eine Geldkarte mit einem kleinen Betrag aufladen und gut erreichbar zur Hand zu haben scheint mir praktikabler. Und etwa zu der Zeit als die TIX-Säulen eingeführt wurden, gab es auch mal solche Geldkarten. Dann wurden die aber eingestellt und heute gibt es die meines Wissens nicht mehr.
    Oder gibt es da etwas Neues, was ich noch nicht kenne?

    • Hallo Henry,
      die Geldkartenfunktion, auf die „tix“ damals setzte, gab es am aktuellen Automaten zwar noch, wurde aber aufgrund der mangelnden Nutzung vor drei Jahren abgeschaltet. Meines Wissens nach, lässt sich der Chip der EC-Karte ebenfalls wie eine Geldkarte nutzen und kann mit einem gewissen Guthaben aufgeladen werden – welches im Zahlvorgang einfach über die „kontaktlos“ Zahlen-Funktion abgebucht wird.
      Ansonsten akzeptieren unsere Automaten ab sofort ja auch Kreditkarten. Da gibt es bei den Banken ja auch sogenannte „Prepaid“-Kreditkarten, die im Vorfeld aufgeladen werden und dann nicht überzogen werden können.
      Vielleicht ist ja eine passende Option dabei.
      Viele Grüße.

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