Heimatliebe
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Heimatliebe

2016 ist ein Jubiläumsjahr: zum 300. Mal jährt sich der Todestag des hannoverschen Universalgenies Leibniz, das Historische Museum bejubelt 50 Jahre Bestehen, vor 60 Jahren rollte der erste Bulli in Stöcken vom Band und dann ist da noch der 775. Stadtgeburtstag. Es darf gefeiert werden! Mit „Party für alle“ kennen wir uns ja bestens aus. Schließlich war 2000 die Welt zu Gast in Hannover. Wir feiern das weltgrößte Schützenfest und das größte europäische Weltbeat-Festival. Mit Superlativen lässt sich wirklich nicht geizen, und ein Jubiläum ist eine gute Gelegenheit, sich damit zu schmücken: Hannover hat nicht nur die bedeutendsten Barockgärten Deutschlands, den größten Stadtwald Europas, es ist auch Epizentrum der Messewelt und Heimat internationaler Größen. Es gibt so viele Gründe mehr für ein Loblied auf die Leinemetropole.

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Allerdings sind es weniger die Superlative, vielmehr die kleinen Dinge, die diese Stadt für mich persönlich so lebens- und liebenswert machen: Konzerte unbekannter Bands im familiären Feinkost Lampe-Keller, laute Rockmusik zu köstlicher Thaiküche im Bösen Wolf, ein Espresso im Plüschsessel im Café 24grad und die große Vielfalt kleiner Läden rund um den Lindener Markt, die meine Freundinnen und mich Samstags oft die Zeit vergessen lassen. Hannover ist zwar noch immer die Stadt ohne Slogan und ohne Wahrzeichen im Tatort – letzteres liegt allerdings mehr an der Einfältigkeit der Macher als an fehlenden Postkartenmotiven. Denn wir haben alles: Seen und Schlösser, Strandbars und ein modernes Stadtbild. Kein Wunder, dass nach einer aktuellen Umfrage der Stadtverwaltung 90 Prozent der Einwohner ihre Liebe zu Hannover mit mir teilen. So viel Zufriedenheit gab es nie.

Hannover, das war Liebe auf den zweiten Blick

In diesem Jahr wird Hannover 775 Jahre alt. Aber mit dem Alter ist das so eine Sache, denn mit der Expo hat eine neue Zeitrechnung begonnen. Seit der Jahrtausendwende hat die Stadt einen einzigartigen Wandel erlebt, vom öden Arbeiterkaff zur hippen Hightech-Metropole. Nur allzu gut kann ich mich noch an die Jahre vor der Weltausstellung erinnern. „Paradies der Mittelmäßigkeit“, so nannte Lessing die Landeshauptstadt und die Medien erfüllten ihre Rolle als Miesmacher in dem sie den Lyriker zitierten, wo sie nur konnten. Als Autobahnabfahrt zwischen Göttingen und Walsrode setzte sich die Stadt schließlich auch in unseren jugendlichen Köpfen fest.

Es war eine Liebe auf den zweiten Blick, damals Anfang der neunziger Jahre, als mir die triste Universitätsstadt schöne Augen machte. Ich flirtete durchaus mit Berlin, hatte ein Techtelmechtel mit Leipzig und einen Seitensprung mit Hamburg. Ich entschloss mich für eine Beziehung mit Hannover. Vielleicht war es das Unkomplizierte, das die Zeitungen langweilig nannten, vielleicht war es das Bodenständige, was oft als harmlos betitelt wurde. Ich kann es heute kaum mehr sagen, denn seinem mittelmäßigen Image wurde meine Wahlheimat damals bis auf Weiteres durchaus gerecht.

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Ich pendelte ein Semester lang aus dem kleinstädtischen Schaumburg täglich im seelenlosen Hauptbahnhof ein, ein brutaler Betonbau, durch den ich mit hochgezogenen Schultern huschte, um mich schnell durch die dunkle Passarelle zum Kröpcke zu quälen, und schließlich mit der U-Bahn in Richtung Universität zu fahren. Drei Haltestellen weiter konnte ich wieder entspannt atmen. In der Peripherie war es hell und grün. Natur, wohin das Auge schaute. Und mittendrin die stolze Fassade des Welfenschlosses, in dem ich studierte. Rundherum spielte sich das Leben ab. Wir aßen Kuchen unter Bäumen oder lustwandelten durch den angrenzenden Georgengarten zur Wiese am Wilhelm Busch Museum. Dort schlossen wir einfach die Augen und ignorierten die hässliche Silhouette des Ihmezentrums. Unser Motto: Eine Stadt ist immer, was man daraus macht. Und dann kam die Expo!

Mit der Expo kam neuer Wind nach Hannover, der viel Staub aufwirbelte

Plötzlich wehte ein Wind durch die City, der viel Staub aufwirbelte. Wir spürten damals sofort, dass Großes kommen wird. Die Stadt nutzte ihre Chance, sich eine neue Identität zu geben: Aus der grauen Maus wurde ein hippes Hannover. Die üstra nutzte die Chance, sich komplett zu modernisieren. Neuerungen wie der Silberpfeil mit Monitoren für das Fahrgastfernsehen, Designerhaltestellen und ein hypermoderner Hauptbahnhof mit viel Licht im Inneren brachten diverse Punkte auf der Attraktivitätsskala. Was früher bespottelt wurde: „Aus der Stadt zwischen Autobahnen und Kanälen kommt man schnell wieder weg“,  entpuppte sich zur Expo als Standortvorteil für internationale Besucher. Der Flughafen wurde heraus geputzt und die Messe bekam einen futuristischen Skywalk. Wir Studierenden nutzten die Chance zu feiern. Was war das für ein Fest unter dem größten Holzdach der Welt! Und Menschen aus aller Welt feierten mit.

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All das ist nun 16 Jahre her. Seitdem ist hier höchstens noch das Wetter mittelmäßig. Während es vom Norden bis in den Süden sintflutartig regnet, herrscht zwischen Harz und Heide meistens nur norddeutscher Niesel. Mittelmäßig muss ja auch nicht immer doof sein.
Geblieben sind ein gut ausgebauter öffentlicher Nahverkehr, attraktive Bauten wie der Gehrytower und der Tiedthof am Steintor sowie eine weltoffene Grundhaltung.
Geblieben ist auch das Selbstbewusstsein. Wir Landeshauptstädter laden Freunde aus Berlin, Barcelona oder Zürich mit gesundem Selbstvertrauen ein. Und sie kommen, gerne sogar. Sei es, um nur mal wieder ein selbstgemachtes Bio-Eis auf der Stephanusstraße zu essen, lässig im Strandleben in der Sonne zu dösen, den „hannover way of life“ auf der Limmerstraße oder Lister Meile zu genießen oder in der Eilenriede abzutauchen. Sie sagen, es sei diese Mischung aus Remmidemmi, Multikulti und geselligem Großstadtflair, die Hannover so charmant macht.

Mediterraner Lokalkolorit an der Leine – das ist Lebensqualität

Abends sitzen wir – mit Besuch ebenso gerne wie unter uns – an einem der vielen Plätze, an denen die Stadt so unverwechselbar leuchtet: Auf der Dornröschenbrücke zum Beispiel. Dort beobachten wir gelassen, wie der Sonnenball langsam in die Ihme taucht. Oder auf dem Ballhofplatz in der Altstadt, vis-à-vis mit dem Kugelbrunnen und einem großartigen gastronomischen Angebot. Mein Lieblingsort ist der Küchengartenplatz. Er ist weniger Garten, dafür eingerahmt in die sanft beleuchtete Industriekulisse des Lindener Heizkraftwerkes. Gäste aus dem 11A, einem der angesagtesten Restaurants der Stadt, teilen sich den Platz mit der Obdachlosenszene aus Linden und uns Ur-Hannoveranern aus sämtlichen Stadtteilen. Die Stimmung ist herrlich unaufgeregt, die Kids skaten bis zur  Sommerabenddämmerung und hin und wieder überraschen junge Bands mit spontanen Auftritten unter freiem Himmel. Mediterraner Lokalkolorit an der Leine.

HMTG/Isabell Adolf

HMTG/Isabell Adolf

Genau diese Abende, in denen die drei warmen Brüder mein Herz erwärmen und ein echtes „Herry“ mich von innen kühlt, das sind die Momente, in denen Hannover mich zärtlich streichelt und ich diese innige Verbundenheit spüre. Eine Stadt ist eben immer das, was man daraus macht. Lasst uns das feiern!

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