Kilt wird Kult: Mit der Rockgruppe kommt der Sinneswandel
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Kilt wird Kult: Mit der Rockgruppe kommt der Sinneswandel

Natürlich war da zuerst dieser Gedanke: „Was soll denn das nun wieder?“ Fahrer in Röcken. Männer, die für mehr Frauen im Unternehmen werben sollen. Ja, zugegeben, es blitzte sofort manches Vorurteil auf. Soll da ein Sommerloch möglichst apart angefüttert werden? Ist jemandem in der Sommerhitze ein wenig plümerant in seiner Kreativabteilung geworden? Und: Lassen sich ausgerechnet Frauen von Männern in Röcken anlocken? Geht das nicht eher nach hinten los? Wie auch immer, verrückt. Vorsorglich ging eine Mail an den Redakteur eines der Medien, für die ich schreibe. Sollte zum Pressefoto auch der Vorstand im Rock einlaufen, dann wäre dies wohl das Motiv für Seite 1 des wöchentlichen Branchenblattes. Dazu ein Text, der vielleicht Begriffe wie „Einsparungen“ und „schottisch“ beinhalten könnte. Soll die Nahverkehrs-Fachwelt doch mal wieder über die Hannoveraner reden. Die hatten ja auch schon „Heinrichs Badezimmer“ und allerlei anderes – auch ganz buchstäblich schräges – Design ins Stadtbild gebracht. Manches wurde zum Klassiker. Die BusStops. Das Lindgrün. Nicht alles hatte gleich und überall Begeisterung ausgelöst. Nun also Fahrer in Röcken. Ist da jetzt eher Ironie oder doch lieber leichter Sarkasmus angesagt? Auch der innere Historiker meldete sich vehement: Wie mit der Tatsache umgehen, dass Röcke vor ziemlich genau 100 Jahren zum ersten Mal bei der Straßenbahn Hannover Einzug hielten – aus ganz anderen Beweggründen: kurz nach Beginn des Ersten Weltkrieges mussten Frauen die massenhaft rekrutierten Fahrpersonale ersetzen. Not-zeiten damals. Heute ist doch alles völlig überdreht.

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Foto: Florian Arp

Am Tag der Vorstellung – die Üstra-Pressemitteilung titelte noch knochentrocken „üstra Fahrer tragen Röcke“ – sah dann alles ganz schnell ganz anders aus. Neun Mann perlten unter brennender Sonne fröhlich aus dem passend mit ihren lebensgroßen Abbildern dekorierten Linienbus. Wie sie auch alle anderen Teilnehmer der Pressekonferenz bester Laune. Happy Happening am Hauptbahnhof. OK, Vorstandsherren tragen keine Röcke, das muss man akzeptieren. Obwohl… zumindest farblich gepasst hätte es schon… Das Bild aber ist schon mal dahin. Schade eigentlich. Dame im Dienstrock auch keine greifbar. Mal sehen, was sich fotografisch machen lässt, nur mit Männern und Röcken, knapp kniefrei. Man kennt sich, schnell sind die erste Aufstellung, die zweite und dritte Bildidee organisiert. Alle machen mit. Die Fotografen wirbeln. Das Motiv fesselt. Trotz der knalligen Sonne mit allen Folgen für die Aufnahmen. Die Fröhlichkeit steckt an. Das Wort von der „Rockgruppe“ macht die Runde. Mehr Beinfreiheit. Hier wird am Saum gezupft, dort ein Rock gelupft. Nicht immer der eigene. Der fotografisch etwas problematische Ort für den Pressetermin, zwischen Busspur und Kaufhof im Fußgängertrubel, erweist sich als doch richtig gut gewählt. Nebenan ist italienischer Markt. Am Rande stockt der Strom der Reisenden wie erkaltende Lava. Projektleiterin Claudia Kudlinski gibt Interviews, ebenso die Protagonisten, der Vorstand, die Betriebsratsvorsitzende. Passanten bleiben stehen. Hören zu. Sehen zu. Eine größere Gruppe junger Damen aus einem der Länder Asiens ist bei aller Zurückhaltung doch ganz besonders interessiert. Daheim machen sie Marketing. Na prächtig! Da wird sich wohl das eine oder andere Bild binnen Minuten um den Globus verbreitet haben. Blicke folgen so ziemlich jeder unserer Bewegungen. Schotten sind ansonsten nicht zu sehen.

Die Herrenröcke, ein Begriff, der schwer aus den Fingern will, sind von der Designerin Thekla Ahrens ziemlich perfekt an die Linie ihrer noch jungen Üstra-Dienstkleidung angepasst. Der zweite Blick offenbart: es gibt zweierlei Rock am Üstramann. Da ist der klassische Kilt, ohne Karo zwar, aber vielfältig in Wurf und Schnitt am Schottenrock orientiert. Und da ist der Casual-Look, ein Cargo-Rock mit aufgesetzten Taschen und kleinen Applikationen. Der sitzt wie Bermuda-Shorts, bei denen man die Beine zu trennen vergaß. Wieder muss der Skeptiker anerkennen: Passt! Auch die Professionalität der Models überrascht. Einige der Herren im Kilt standen schon mit der „normalen“ Dienstkleidungs-Kollektion Modell, es ist an ihren Bewegungen zu merken. Alle aber wissen im Rock zu agieren. Es muss wohl eine spezielle Schulung gegeben haben, denkt der noch nicht berockt gewesene Beobachter. Männern wurde ja weder in Wiege noch Fahrerkabine gelegt, sich im Rock richtig zu bewegen. Positiv sei bislang jedes Feedback gewesen, sagen sie. Einige freuen sich schon auf das gewisse Quäntchen mehr Frischluft an heißen Tagen. Schorse scherzt: Fahrersitz ganz hoch, Ventillator auf volle Leistung. Die Fotografenkollegen brauchen noch Fotos am Fahrerplatz. Im Bus. Ohne Gebläse.

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Foto: Florian Arp

Statements. Fragen. Antworten. Wie immer. Und doch ganz anders. Klar ist die Absicht der Aktion, es geht um Werbung, für mehr Frauen, für mehr Mitarbeiterinnen, für mehr Azubi(e)nen – was so selbstverständlich niemand sagt – , also mehr Bewerbungen von Frauen, für eine bessere Quote. Von 17 auf 22 Prozent soll sie steigen, bis 2022. Es gibt Fakten, Zahlen, Zitate, Hintergründe. Der Rock, vielleicht primär als Mittel zum Zweck gedacht, kann aber auch zum Selbstläufer werden. Die Fahrer wollen vielleicht, gelegentlich, auch weiterhin Rock tragen. Im echten Leben, auf dem Bus, auf der Bahn. Nicht nur fürs Werbefoto und für den Pressetermin. Etwas Mut wird freilich dazu gehören, im Sahlkamp und in der „Roderbronx“, aber auch am Pferdeturm und in Isernhagen-Süd. Lassen wir uns überraschen und hoffen wir auf eine überall so fröhlich-freundlich-interessierte Aufnahme wie bei der Premiere am Hauptbahnhof. Kilt und Cargorock gehören fortan zur Kollektion der „Markenbotschafter“, heißt es. An einen gefütterten Winterrock jedoch sei nicht gedacht, aber, nein, das alles ist kein Spaß. Das Tragen sei freiwillig. Es macht munter. Später wird man rückblickend vielleicht von einem einschneidenden Tag für das Unternehmen sprechen. Von einem Kulturwandel. Von einem Anstoß. Von Hannover ausgehend. Denn man(n) los!

Tags drauf hatte übrigens Sean Connery Geburtstag. Einen runden. Der Sir ist bekanntlich überzeugter Schotte. Sollte auch seine Zeitung just an diesem Tage ein Bild aus Good old Germany gedruckt haben, von Männern in Röcken an Bus und Bahn, es könnte ihm gefallen haben. Das Presseecho jedenfalls sollte ein internationales sein. So wie damals beim Gehry-Tower. Der ist ja auch ganz schon schräg. Im Vergleich zur coolen Rockgruppe aber verdammt kühl. Kilt wird Kult. Jetzt. Hier. In Hannover. Üstra rocks.

13 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ich finde dies nicht nur als Kampanie gut.
    Das Klischee, dass der Mann Hose tragen muss und die
    Frau sich alles erlaubt sollte tatsächlich durchbrochen
    werden.
    Sicherlich sind hier nicht nur Frauen angesprochen. Wenn
    ich nicht gerade einen super Beruf hätte, könnte ich mich
    auch für einen Umzug nach Hannover entscheiden.
    Daumen hoch. Weiter so.

  2. Das soll einen Kilt darstellen? Kein Sporan, einen normalen Hosengürtel, keine Kiltnadel und die Strümpfe? Naja schweigen wir lieber davon. War es der üstra nicht genug wert sich einen Tartan in üstra farben designen zu lassen und die Fahrer richtig auszustatten. So ein Kilt ist eher eine Lachnummer als eine Werbung

    • Christine Wendel

      Hallo Herr Karstedt, Sie haben natürlich recht. Bei diesem Rock handelt es sich nicht um einen traditionellen Kilt. Das haben wir so auch nie behauptet. Wir haben uns nur dieses Bildes bedient, um im allgemeinen zu erklären, dass es sich um einen Männerrock handelt. Dieser also in keiner Weise „feminin“ ist. Die Designerin hat sich am Kilt orientiert, aber keinen „original“ Kilt entwickelt, da haben Sie recht.

      Freundliche Grüße,
      Christine Wendel

    • Traditionelle Kilts würden auch nicht dazu passen. Und für was sollte bitte der Sporan zweckmäßig sein, für einen Busfahrer? Von mir aus dürften die Busfahrer auch normale Röcke anziehen, ohne dass sie einen Ansehensverlust erleiden, da sie deswegen nicht schlechter Bus fahren und ein Kilt auch nichts anderes als ein Wickelrock ist. Und wenn wir schon mal beim Kilt sind, ist der Kleine Kilt, den du als traditionellen Kilt bezeichnest, auch nicht das Original des richtigen Pleated Kilt, nech.

      PS: Die „Strümpfe“ heißen Hoses. Solltest du als Kilt-Kenner eigentlich wissen.

  3. Hallo,
    also ich finde es super, wenn Männer endlich auch mal Röcke tragen.
    Meinetwegen müssen es nicht nur echte Männerröcke sein, sondern auch Damenröcke, wenn es passt.
    Aber es würde viel schöner aussehen, wenn Mann dazu Feinstrumpfhosen trägt.
    Also alles Super, weiter so.

  4. Super!
    Gerde bei diesem heißem Wetter beneiden Euch bestimmt viele Busfahrer anderer Gesellschaften und alle Anzugträger.
    Gute Maßnahme der Üstra!

  5. Hallo,
    kann auch der Nicht-Üstra-Fahrer die Männerrock-Kollektion irgendwo käuflich erwerben?
    Mit freundlichen Grüßen
    Achim Schipporeit

    • Ramona Reichel

      Hallo Achim,
      die Röcke sind Teil unserer Dienstkleidung und deshalb leider nicht käuflich zu erwerben. Sorry!

      Viele Grüße,
      Ramona

    • Ähnliche Angebote an durchaus alltagstauglichen Kilts für alle möglichen Anlässe findet man z. B. unter findet man http://www.utilikilts.com. Es gibt noch viele ander Hersteller, wie z. B. Amerikilts und weitere Hersteller. Diese sogenannten Utilikilts oder Cargo Kilts unterscheiden sich von den traditionell schottischen dadurch, dass sie auch Taschen bestitzen und somit alltagstauglich sind. Es gibt Modelle vom Arbeitskilt über Outdoor bist zu gesellschaftlichen Kilts. Diese Kilts sind ähnlich der Uestra Kollektion geschnitten, kommen vorwiegend aus den USA, aber mittlerweile gibt es sie auch schon von europäischen und schottischen Herstellern. Der Original Utilikilt aus Seattle ist leider relativ teuer (insbesonder wenn noch Zoll hizukommt, aber es gibt mittlerweile auch deutlich preiswertere Modelle. Mit etwas Glück findet man bei Internet Auktionen auch immer mal wieder gebrauchte Stücke. Ein hannoverscher Berufsbekleider wirbt mit Arbeitskilts auf seiner Autowerbung. Diese sind relativ preiswert zu bekommen.

  6. Üstra rockt halte ich für eine der besten Üstra-Marketing-Aktivitäten, wenn nicht gar die beste, an die ich mich erinnern kann! Unbedingt am Ball (bzw. am Männerrock) bleiben. Ich erlebe es immer wieder, dass ich Bakannte auf die Werbung anspreche, die das nur ganz am Rande oder noch gar nicht mitgekriegt haben.
    Wie wär’s mit einem Busfahrer/Stadtbahnfahrer mit Rock in Marylin Monroe-Pose, aus dem Film „Das verflixte siebente Jahr“, wie sie auf dem Lüftungsschacht-Gitter der U-Bahn steht. Ist ja nicht so, dass es so was nicht auch in Hannover gäbe!

    • Ein Kilt und Männerrock ist aus schweren Stoff als das dieser durch die Luft eines Lüftungsschacht abheben würde. Denn aus genau dem Grund sind Kilts aus schweren Stoff. Sie waren ursprünglich Militärkleidung der schottischen Armee.

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