Mein Leben mit der Straßenbahn - Teil 1:  Die Fahrt zur Vorstunde
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Mein Leben mit der Straßenbahn – Teil 1: Die Fahrt zur Vorstunde

Als 1956 geborener Hannoveraner erinnert sich unser Pressesprecher und Blog-Autor nun einmal im Monat an sehr persönliche Erlebnisse im Nahverkehr seiner Heimatstadt. Wer seinen Jahresrückblick liebt, sollte sich daher nun mit ihm auf den Weg zur Vorstunde machen.

Es muss im Winter gewesen sein, denn draußen war es morgens um halb sieben noch dunkel. Ich war auf dem Schulweg und saß in der Straßenbahn. Entweder in einer 7 oder in einer 14, die beide von Oberricklingen zum Schwarzen Bären fuhren. Genau weiß ich es nicht mehr.

An diesem Tag hatte ich eine seltene Begleitung. Mein sechs Jahre älterer Bruder, der bereits als Teenager Seemann geworden war, musste zum Bahnhof, um den Zug nach Hamburg zu nehmen, wo sein Schiff im Hafen lag, mit dem es nach Südamerika gehen sollte. „Auf großer Fahrt“, wie man das nannte, war er meist monatelang von zuhause weg. Die Fahrt zum Hauptbahnhof beendete einen seiner seltenen Besuche bei unserer Familie. Mein Bruder wurde zum Abschied von unserem Vater begleitet.

Mein Vater war schon in seinen Vierzigern, als er unsere Familie gründete. Als jüngstes von sieben Geschwistern in Ostpreußen geboren, hatte er keine Aussichten den elterlichen Hof zu erben und hatte sich als junger Mann für das Militär entschieden, dass die Nazis nach 1933 erst heimlich und dann immer offener für ihren verbrecherischen Krieg aufrüsteten. Da er keine höhere Schule besucht hatte, war ihm eine Offizierskarriere verschlossen. So zog er als Gefreiter, später als Feldwebel mit Hitlers Wehrmacht durch Europa, fiel mit ihr in Polen ein, dann in Belgien und Frankreich, schließlich in Russland. Als Frontsoldat wurde er im Mai 1945 mit den Resten der Heeresgruppe Nord im Kurland von der Roten Armee gefangen genommen und als Kriegsgefangener nach Russland verbracht, wo er mehrere Jahre in Lagern verbrachte, bis ihn sein Schicksal nach Deutschland zurückführte. Es verschlug ihn nach Hannover, wo er in den Nachkriegswirren meine Mutter kennenlernte.

Er ernährte unsere fünfköpfige Familie als Metallarbeiter bei der Hanomag. Dort arbeitete er in der Gießerei, wo er zusammen mit einem Kollegen schwere Pfannen trug, um flüssigheißes Eisen in Formen zu gießen. Waren die Formen nicht ausreichend vorgewärmt – was in der Hetze der Akkordarbeit oft geschah – spritzten glühende Funken durch die Luft und flogen auch in die Arbeitskleidung meines Vaters, der sie durch die Hosenbeine ausschüttelte, bis sie auf dem Spann seiner Füße liegen blieben, wo sie kleine Brandwunden hinterließen. Denke ich an den Vater meiner Kindheit, sehe ich die Pflaster auf seinen Füßen, wenn er im Pyjama zu Bett ging.

Die Linie 7 auf der Alten Celler Heerstraße in Hannover. (Foto: Werner Rabe)

Zur Zeit jener Straßenbahnfahrt, von der ich hier erzähle – in den 1960er Jahren – herrschte an den Schulen Lehrermangel, und so war die Schulverwaltung auf die Idee gekommen, dem Stundenplan eine weitere Schulstunde hinzuzufügen, um den Schülern den Lehrstoff in der gebotenen Zeit zu verabreichen. Diese zusätzliche Stunde wurde vor die erste Stunde gelegt und daher „Vorstunde“ genannt. Sie begann um halb acht, so dass ich wegen meines Schulwegs um sechs Uhr aufstehen musste. Man könnte die Vorstunde als Geißel meines damals noch jungen Lebens bezeichnen, denn der Verweis meiner Mutter beim Zubettgehen auf die morgige frühe Stunde war mir stets ein Graus.

Unterwegs zur Vorstunde saß ich also auch an diesem erinnerungswürdigen Tag. Die Straßenbahn war voll von Leidensgenossen meines Alters, die schlaftrunken in den Sitzen und Bänken hingen. Einer von ihnen gähnte mit vollster Inbrunst, die Augen geschlossen und den Mund bis zum Anschlag aufgerissen – ein Bild des morgendlichen Schülerelends. Und da hörte ich wie mein Vater, der mit meinem älteren Bruder in der Bankreihe vor mir saß, auf den gähnenden Schüler blickte und zu meinem Bruder sagte:

„Nun schau Dir das an. Da jagen sie die Kleinen zu dieser nachtschlafenden Zeit in die Schule! Du meine Güte – die gehören doch alle noch ins Bett.“

Mein Vater arbeitete zu jener Zeit bei der Hanomag abwechselnd in drei Schichten: der Frühschicht von morgens Sechs bis nachmittags um Zwei, der Spätschicht von nachmittags um Zwei bis abends um Zehn und der Nachtschicht von Abends um Zehn bis zum nächsten Morgen um Sechs. Jede Woche wechselte seine Schicht, und das 22 Jahre lang. Mit eiserner Disziplin folgte er diesem Arbeitsrhythmus, um seine Familie zu ernähren. Die Lektion, dass das Leben Langschläfern keine Geschenke macht, hatte er gelernt. Und doch hatten all die schrecklichen Erlebnisse des Krieges, die Verzweiflung der Gefangenschaft und auch die Arbeitsfron der Metallindustrie es nicht vermocht, diesem Mann das Mitgefühl für verschlafene kleine Schulkinder auszutreiben.

Ich weiß nicht mehr genau, was ich damals dachte, sicherlich war Freude und Genugtuung dabei, dass ein Erwachsener Verständnis mit uns Schülern hatte, die sich zu dieser unchristlichen Zeit aus dem Bett quälen mussten, statt uns den immer gleichen Blödsinn von der Morgenstund mit dem Gold im Mund vorzubeten. Erst viel später, als ich mich mehr mit dem Leben meines Vaters beschäftigt hatte, wurde mir klar, dass mir diese Fahrt mit meinem Vater etwas über ihn erzählte, dass ich gern behalten wollte. Diese Straßenbahnfahrt mit meinem Vater, der nun schon lange verstorben ist, verwebt sich seitdem in der Erinnerung untrennbar mit dem Kurvenquietschen der Eisenräder, der Frauenstimme mit den Haltestellendurchsagen und dem Quittungsgeräusch der Fahrkartenentwerter zu einem Teil des Soundtrack meines Lebens.

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Diese Geschichte hat mich sehr berührt.

    Erst dachte ich, wieder so ein Täter-Vater, der von seinem Sohn glorifiziert wird. Aber nein… Vielleicht tatsächlich ein Mann, den weder die Nazis, noch die Russen gebrochen haben. Ein Mann, der ein gutes Herz durch schwere Zeiten retten konnte. Dieser Mann wäre ein Glück in der heutigen Zeit. Seine Worte wären gerade jetzt für uns so wichtig.
    Ich selbst bin Mitte der 60er geboren worden. Ich kenne weder Krieg, noch Vertreibung oder Hunger. Selbst meine Eltern nicht. Ich habe Demokratie und Sicherheit geschenkt bekommen. Ich musste nichts dafür tun.
    Wenn ich mir den heutigen Rechtsruck hier in Deutschland und in vielen anderen Ländern so betrachte, dann denke ich, dass die Menschen, die wie dieser Vater all diese schlimmen Zeiten er- und überlebt haben einfach zu wenig zu Wort gekommen sind. Sie haben zu wenig erzählt und es ist zu wenig aufgeschrieben worden. Wir bräuchten ihre Geschichten. Wir alle hätten mit diesen Geschichten aufwachsen müssen.
    Vielen Dank für diese kleine, schöne Episode. Sie wärmt mir das Herz.
    St. L.

    • Liebe Stephanie Leuschner,

      Vielen Dank für ihre warmen Worte und das Lob. Dafür schreibt man!

      Bleiben Sie mir als Leserin gewogen. Ende Februar nehme ich Sie dann mit auf meinen Schulweg mit Bahn und Bus…

  2. Ich wurde 1938 in Leipzig in die 42. Volksschule im westlichen Stadtteil Lindenau eingeschult- da kannte man das Wort „Schulbus“ noch nicht. Es war selbstverständlich, da. dass man lief. Kurz zuvor hatte ich eine ansteckende Krankheit – ich glaube Masern oder Diphtherie – und lag mehrere Wochen im Bett. Danach mußte ich erst wieder laufen lernen. Am 1. Schultag begleiteten mich meine Mutter, Großmutter und meine 4 Jahre jüngere Schwester, die im Kinderwagen saß, zur Schule . Auf dem Rückweg konnte ich mich kaum noch auf den Beinen halten; meine Mutter setzte mich in den Kinderwagen und meine kleine Schwester lief mit meiner Zuckertüte brav nebenher.
    Als entgegenkommende Passanten das sahen, rief ein Junge: „Guck mal: die Kleine geht schon im die 1. Klasse ! “
    Während des Krieges wurde die 42. Volhsschule Lazarett und meine Klasse kam in die 44. Volksschule in der Demmeringstr.. Das war sehr angenehm, denn dieser Weg war bedeutend kürzer.
    Als ich nach 4 Jahren ins Gymnasium wechselte, war der Weg wieder viel weiter: die Helmholtzschule lag in der Kanzlerstr. Natürlich mußten fast alle dorthin laufen, den Fahrräder gab es in den Kriegsjahren nicht

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