Mobil im Leben – Übung macht den Meister
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Mobil im Leben – Übung macht den Meister

Morgens 08:30 Uhr am Hauptbahnhof Hannover: Wie ein großer Schwarm schwirren Menschen aus der Stadtbahn und wieder hinein. Das alles geht in der morgendlichen Trance ganz von allein. Was für die meisten von uns Alltag ist, stellt für Menschen mit körperlichen Behinderungen jedoch eine Herausforderung dar. Vier Mal im Jahr bietet die üstra deshalb Übungstage für Fahrgäste mit Rollstuhl und Rollator an. Bei der letzten Veranstaltung „Mobil im Leben“ durfte ich dabei sein und hatte so manches Aha-Erlebnis.

Als ich am Treffpunkt Messe/Nord ankomme, haben sich schon viele um den Übungsbus versammelt. Sie tauschen Erfahrungen und Tipps aus. Eine von ihnen ist Frau Moritz. Sie hat seit einem Monat einen Rollator und das Manövrieren fällt ihr noch nicht leicht. Zunächst muss sie einen geeigneten Sitzplatz finden, denn sich auf den eigenen Rollator zu setzen ist lebensgefährlich. Auf den Reifen ist wenig Auflagefläche und somit wenig Haftung zum Boden. Bei einer Vollbremsung kann es zu schwerwiegenden Stürzen kommen.

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Erfahrungsaustausch: Frau Moritz erhält Tipps zum Ein- und Aussteigen.

Vor allem beim Aussteigen hat Frau Moritz schon einige Pannen erlebt. Erstmal muss man sich im Bus drehen, das kostet schon mal etwas Zeit. Wenn man Pech hat und die Kurve nicht so gut bekommen hat, bleibt man dann auch noch in der Tür stecken. Weil sie den Betrieb nicht aufhalten will, fährt sie zur verkehrsarmen Zeit am Mittag. Da habe sie nicht das Gefühl ein Ärgernis für ihre Mitfahrer zu sein.

Und auch hinter dem Steuer eines Busses will man schlechte Stimmung vermeiden. Will sich der Busfahrer keine Verspätung einfahren, muss alles reibungslos funktionieren. Doch wenn behindertengerechte Haltestellen wegen Müll oder anderen Hindernissen nicht zugänglich sind, kann die Abfahrtszeit nicht eingehalten werden. Notfalls muss der Fahrer das Lenkrad verlassen und beim Einsteigen helfen. Die Fahrgäste werden dabei spürbar ungeduldiger. Immer ist der Fahrer schuld, aber nie die Gäste mit ihren Kopfhörern oder Handys, die nicht auf ihre Umgebung achten.

Alle sind sich einig: Selbst ist der Mann (oder die Frau)! Also wird die Busrampe ausgefahren und geübt, geübt, geübt. Vor allem für die Rollstuhlfahrer ist so eine Rampe gewöhnungsbedürftig. Sobald es hoch geht, fühlt es sich so an, als würde der Rollstuhl kippen. Um sicherer mit der Situation umzugehen, gibt ein Trainer Nachhilfe im „Kippeln“.

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Das „Kippeln“ will geübt sein. Hier an einer Tür ohne Mittelstange – erkennbar am orangenen Streifen über der Tür.

Die nächsten Anlaufstationen sind die Stadtbahnen. Zwar haben der neue TW 3000 und der Silberpfeil (TW 2000) ein schon fast luxuriöses Platzangebot, trotzdem muss auch hier zwischen den Haltestangen navigiert werden. Der grüne TW 6000 ist da eher etwas für Fortgeschrittene. An einem orangenen Streifen am Fahrerstand und über der entsprechenden Tür, kann man sehen, dass hier die Mittelstange entfernt wurde. Dadurch kann man mit einem Rollstuhl oder Kinderwagen leichter zusteigen. Für Türen mit Mittelstange, erfahre ich zwei wertvolle Tipps: 1. Die rechte Seite der Tür benutzen, denn diese ist breiter. 2. Vorwärts hereinfahren und rückwärts wieder herausfahren vermeidet umständliches Rangieren.

Während die einen noch fleißig am üben sind, liefern sich zwei Jungs ein Rollstuhlrennen auf dem leeren Bahnsteig. So verspielt und voller Elan, zeigen sie mir, wie selbstverständlich die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel auch für mobilitätseingeschränkte Menschen sein kann.

Auch bei den nächsten Übungstagen kann wieder ausprobiert und trainiert werden. Alle Termine gibt es auf uestra.de

6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Da bin ich so Spät Nachts noch unterwegs weil ich nicht schlafen kann und dann finde ich diesen schönen Artikel. Sehr stark von der üstra sich dafür einzusetzen so einen Kurs zu geben. Damit haben die Leute die auf einen Rollstuhl oder Rollator angewiesen sind es viel leichter und man kann im Team lernen. Ich weiß noch als meine Mutter auf einen Rollator angewiesen war nur leider gab es solch einen Kurs nicht in unserer nähe Leider. Danke für diesen Tollen Beitrag Julia.

    • Julia Müller

      Vielen Dank Oliver. Das Training innerhalb der Gruppe nimmt vielen Teilnehmern die Scheu und manchmal hilft auch schon der reine Erfahrungsausstausch. Ich wünsche heute allen (auch den Trainern) einen erfolgreichen und schönen Tag.

  2. Die Üstra und ihre Barrierefreiheit.
    Für so machen Fahrgast leider nur eine Legende.
    Als Gehbehindeter, der in Badenstedt wohnt und ausschliesslich die alten, grünen Bahnen nutzen muss, hat man leider verloren.
    Um mit dem Rollstuhl Bahn zu fahren müsste ich erst mal ewig zu einem Hochbahnsteig rollen. (Die eigentlich schnell zu erreichende Haltestelle ist Eichenfeldstrasse. Also kein Hochbahnsteig.)
    Mit dem Elektroscooter ist das zwas kein Problem, nur dann wird es ja erst mal tricky.
    Einen 10 Minuten Takt kann man sich von vorne herein schon mal abschminken. Das ist Vergangenheit.
    Dann ist der Einstieg in die leere Bahn an der Endhaltestelle Empelde in der Früh ja noch kein Problem, will ich aber nach Feierabend abends im Kröpcke zusteigen, sind die Bahnen leider manchmal so voll, dass einem selbst der Zugang ohne Mittelstange nichts nützt.
    Also heißt es schon mal 30 oder 40 Minuten lang warten, bis ein Einstieg möglich ist, hat ja nicht jede Bahn einen Mittelstabfreien Zugang.

    Ich habe es nach einem halben Jahr nun aufgegeben, mein Jahresabo gekündigt und mir eine Alternative gesucht.
    Sollte die üstra sich mal dazu herablassen, auch die Linie 9 richtig Barrierefrei zu gestalten, werde ich vielleicht wieder Kunde.
    Aber bis dahin fließt noch viel Wasser die Leine herunter…

    • Julia Müller

      Hallo Robert,

      es tut mir leid, dass Sie keine guten Erfahrungen mit uns machen konnten. Ich versichere Ihnen, dass dies mit Sicherheit keine böswillige Absicht der üstra ist. Auch wir wollen, dass die Linie 9 so schnell wie möglich barrierefrei wird und werden im kommenden Jahr auch in Badenstedt Hochbahnsteige in Angriff nehmen.

      Viele Grüße
      Julia

  3. Hallo Julia,
    was die Barrierefreiheit der Stadtbahnen angeht sind Üstra und Region Hannover, die ja für den ÖPNV zuständig ist, auf einen guten Weg. Mit dem oberirdischen barrierefreien Ausbau der Stadtbahnlinien 10 und 17, der jahrelang auf die lange Bank geschoben wurde, weil von verschiedenen Seiten, insbesondere von der Autofahrerlobby, immer wieder nach einer Vertunnelung der Straßenbahn gerufen wurde, ist ein richtungsweisender Entscheid getroffen worden: Wenn auch in der Innenstadt Hochbahnsteige gebaut werden, dann werden die Vorbehalte gegen Hochbahnsteige in den Stadtteilen, in denen noch Hochbahnsteige gebaut werden müssen, schwinden.
    Aber die Omnibus-Linien sind ein Makel:
    Dass es automatische Rampen gibt, ist erfreulich, auch wenn sie nicht immer funktionieren. Neuere Busse haben dafür eine zweite Rampe zum Ausklappen am vorderen Eingang, oder zusätzlich zur automatischen Rampe am mittleren Eingang. (Zum Beispiel der neue Batterie-E-Bus auf der Linie 100/200.)
    Unerfreulich ist, dass die Regionskommunen und die Stadt Hannover Bushaltestellen nicht mit entsprechenden Haltestellenkantsteinen bauen lassen, die im Zusammenspiel mit der Absenkfunktion des Omnibusses ein ebenerdigen Ein- und Ausstieg ermöglichen. Die entsprechenden Haltestellen-Kantsteine gibt es. Z. B. der Kasseler Sonderbord plus! Siehe auch hier: http://blog.behindernisse.de/2012/11/13/kasseler-sonderbord-plus-beim-hvv/
    Leider ist nicht mal ganz klar, wer dafür eigentlich zuständig ist. Zwar ist die Region Hannover für den ÖPNV zuständig. als ich dort bei einer Bürgerfragestunde des Verkehrsausschusses auf diese Möglichkeit der barrierfreien Bushaltestellen hinwies, sagte man mir, dass letztlich die einzelnen Kommunen zuständig seien.
    Und bei der Üstra kann ich anders als bei den Hochbahnsteigen leider keine Ambitionen erkennen, sich für wirklich barrierefreie Bushaltestellen stark zu machen.

  4. Pingback: Hochbahnsteige: Ein großer Aufwand – Ein noch größerer Nutzen | Fahrtenbuch

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