Nahverkehr des Grauens
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Nahverkehr des Grauens

Rom – die ewige Stadt. Jeder Mensch sollte einmal in seinem Leben dort gewesen sein. Dem Rauschen des Trevi-Brunnens zugehört, auf dem Campo de Fiori einen Capucchino getrunken, in den Ruinen des Forum Romanum dem Waffengeklirr der römischen Legionen nachgelauscht und nächtens auf der Spanischen Treppe in den Sternenhimmel geschaut haben. Was für eine faszinierende, wundervolle Stadt! Nur den Nahverkehr in Rom sollte man tunlichst meiden. Gut, es ist schon zehn Jahre her, dass ich diese Erfahrung machen durfte, Bekannte aber, die erst letztes Jahr da waren, haben mir bestätigt, dass sich seitdem nicht viel zum Besseren getan hat.

Ja, die Millionenstadt Rom hat eine U-Bahn. Das Traurige daran: zwei Strecken, zwei Linien. Zusammen 45 Haltestellen. Nur so zum Vergleich: Hannovers Stadtbahn hat vier Strecken, 12 Linien, rund 190 Haltestellen. Rom hat 2,8 Millionen Einwohner, Hannover 500.000. Als ich in Rom war, wollte ich einmal Sonntagabend um 23 Uhr mit der U-Bahn nach Hause fahren. Ging aber nicht – die U-Bahn war schon geschlossen. Was vielleicht auch besser war, dem bestialischen Gestank nach zu urteilen, der mir aus dem Rollgitter am U-Bahn Abgang entgegenwehte. Die Kloaken Roms zu Kaiser Augustus Zeiten können nicht schlimmer gerochen haben. Es gibt auch eine Straßenbahn in Rom, die man aber vernachlässigen kann, weil sie nur kleinere Teile der Stadt im Norden bestreift. Das ist wohl mehr ein Museumsbetrieb, schätze ich, so wie bei uns in Sehnde-Wehmingen.

Bleibt der Bus. In der Tat ist das Netz sehr dicht. Das Problem ist nur, dass die meisten Straßen in und um das Zentrum Einbahnstraßen sind. Hat man also die richtige Haltestelle gefunden – was nicht so einfach ist, da man den Liniennetzplan offenbar nur in einigen ausgewählten Buchhandlungen der italienischen Hauptstadt erwerben kann – führt sie meist in die falsche Richtung. Wegen der Einbahnstraße befindet sich die Haltestelle der Linie in die andere Richtung nicht etwa gegenüber, sondern ganz woanders. Viel Spaß beim Suchen. Manche behaupten, Haltestellen-Lagen und Busverbindungen seien in Rom Familiengeheimnisse, die das Oberhaupt auf seinem Sterbebett dem Erben ins Ohr flüstert.

Haltestellenhäuschen, die beim Warten etwas Schutz vor der gnadenlosen römischen Sonne bieten würden, gibt es so gut wie nirgendwo. Es fehlt der Platz dafür. Haltestelle heißt in Rom: Mast, Fahrplan (zugeschmiert) und Abfalleimer (kaputt). Man darf sich schon glücklich schätzen, wenn es direkt am Haltestellenmast ein wenig Aufstellfläche gibt. Oft fehlt auch hierfür der Platz. Dann muss man sich irgendwo in der Nähe auf die Lauer legen, versuchen den sich nähernden Bus im Verkehrsgewühl ausfindig zu machen, um sich dann – ein Stoßgebet zum Heiligen Vater auf den Lippen – todesmutig in das selbige zu stürzen und die rettende Bustür zu erreichen, bevor sie sich wieder schließt.

Ob die Römer glücklich sind und ihre Stadt lieben? Ich glaube schon. Sie haben aus dem Umgang mit den Widrigkeiten des Lebens (und des Nahverkehrs) eine Kultur entwickelt, um die wir Deutsche mit unserem Hang zur Meckerei sie beneiden können. Wer jemals einen perfekt gekleideten römischen Signore im Maßanzug gesehen hat, mit Krawatte, Manschettenknöpfen und Einstecktuch, mitten in einem völlig überfüllten und überheizten Bus, nicht eine einzige Schweißperle auf der Stirn, während einem selber das alte T-Shirt klitschnass auf dem Rücken klebt, der weiß, was ich damit meine. Es ist bewundernswert.

Und die Römer haben schließlich noch ihre Motorroller, um von A nach B zu kommen. Klein, wendig und dem Automobil in jeder Hinsicht überlegen, mit Elektromotor auch ökologisch über jeden Zweifel erhaben. Darauf kann man eine ebenso gute Figur machen wie seinerzeit Marcello Mastroianni. La dolce vita…

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Sehr treffend ist hier die Nahverkehrs-Situation beschrieben, die ich selbst bei mehreren Aufenthalten in der Stadt erfahren musste. Bleibt noch zu erwähnen, dass es bestimmte Buslinien gibt (vorwiegend ab Bahnhof Termini verkehrend), in denen sich Taschendiebe gern betätigen. Ich empfehle Brustbeutel an einer Kette. Zu den Motorrollern: Dies Gehupe, oh, dies Gehupe!!

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