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In der Fahrschule

Man lernt ja nie aus. Getreu diesem Motto drücke ich seit Anfang Oktober wieder die Schulbank. Die Fahrschulbank. Derzeit mache ich nämlich den „Stadtbahnführerschein light“, also den Führerschein für „Dienst- und Arbeitswagen“. Das bedeutet, ich darf nach bestandener Prüfung Bahnen überführen. Deshalb drücke ich auch „nur“ 21 Tage die Schulbank. Die Kollegen, die tatsächlich im Fahrdienst anfangen, lernen in 60 Tagen viel mehr als nur fahren. Sie kämpfen sich allein drei Tage durch den „Tarifdschungel“ und absolvieren dann noch einige Fahrten mit einem speziell geschulten Kollegen, der ihnen bei einem normalen Dienst über die Schulter schaut. Außerdem müssen sie, im Gegensatz zu uns „Light-Schülern“, eine Zwischenprüfung ablegen.

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Mein Fahrschulalltag:

Jeden Morgen gibt es eine Runde Theorie: Am Anfang stehen natürlich die Technik und die allgemeinen Grundlagen. Wie funktionieren die Bremsen (von denen eine Stadtbahn ganze vier Arten hat!)? Was hat es mit der „Zugsicherung“ im Tunnel auf sich? Und was bedeuten eigentlich die ganzen Schilder und Ampeln (die eigentlich Signalanlagen heißen)?

Danach folgt natürlich die Praxis. Und wie schon beim Auto gilt auch für die Stadtbahn: Fahren lernt man nicht auf dem Betriebshof. Wir verlassen also den Betriebshof Glocksee in Richtung Humboldtstraße und plötzlich bin ich wieder hellwach: Der Goethekreisel. Blinken, Beschleunigen und Bremsen, Weichen stellen. Kurzzeitig wünschte ich mir, ich wäre diese indische Göttin mit den acht Armen. Hinzu kommt das ungewohnte und Ehrfurcht erregende Gefühl, ein 38t-Fahrzeug zu bewegen. Und die Schilder! Nicht nur, dass die Verkehrsschilder für den Stadtbahnverkehr komplett anders aussehen, sind sie viel kleiner und haben keinen festen Platz. Der Fahrer muss also – eigentlich – die Augen überall haben. Und daran muss man sich als Anfänger erstmal gewöhnen. Da ist das Fahren durch den Tunnel fast wie Urlaub, schließlich muss man da „nur“ auf die Lichtsignale (Ampeln) achten. Doch auch hier muss man als Fahrer enorm aufpassen. Hält man die vorgegebene Geschwindigkeit nicht penibel ein oder überfährt ein „Halt zeigendes Signal“ (eine rote Ampel), sorgt die Zugsicherung direkt für eine Zwangsbremsung. Das ganze Tunnelsystem ist durch die Zugsicherung abgesichert, sodass immer die größtmögliche Sicherheit gegeben ist. Fällt ein Signal aus, bleiben die Züge stehen.

An Tag 4 bekam ich das erstmal eine leise Ahnung davon, was es wirklich heißt, Stadtbahnfahrer/in in Hannover zu sein. Unsere Tour führte mich auf der Strecke der Linie 10 zum Aegi. Schon die Kurt-Schumacher-Straße mit den derzeitig Baumaßnahmen und den damit verbundenen Fahrbahnverengungen, Baggern und LKW mahnte mich, besonders vorsichtig zu sein. Doch dann kommt der Ernst-August-Platz: Mit 10 km/h bewegte ich meine grüne Stadtbahn am Bahnhof vorbei. Vor mir zig Menschen, einige davon laufen einfach drauf los – ohne nach rechts oder links zu gucken. Andere haben Kopfhörer in den Ohren und ich bin nicht sicher, ob sie mich gesehen haben. Das hier nicht jeden Tag mindestens ein Unfall passiert, rechne ich den Kollegen da draußen hoch an. Jeden Tag kämpfen sich die Fahrerinnen und Fahrer durch Fußgängerzonen, über den Bahnhofsvorplatz und den allgemeinen Stadtverkehr. Dabei beweisen sie immer wieder aufs neue, was es heißt, vorausschauend zu fahren und blitzschnell zu reagieren, wenn es nötig ist.

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Meine persönliche Lieblingsstrecke habe ich bis jetzt noch nicht ausmachen können. Aber es bleiben ja noch ein paar Tage, an denen wir noch einige Endpunkte kennenlernen werden. Aber jetzt muss ich erstmal weiter büffeln: Die Signale habe ich nämlich noch nicht alle drauf.

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Großputz bei der üstra

Damit sich unsere Fahrgäste beim Warten auf die nächste Bahn wohl fühlen, sind jeden Tag rund 70 Mitarbeiter der protec Service GmbH und deren Parnter im Auftrag der üstra im Einsatz, um sämtliche Haltestellen und Stationen sauber zu machen. Dies ist kein ganz leichter Job, denn wenn die Kollegen mit dem letzten Fleck fertig sind, müssen sie auch schon wieder von vorne anfangen.

Im Laufe eines Tages kommt an unseren 198 Haltestellen und Stationen im Stadtbahnbereich natürlich einiges an Dreck zusammen. Wettereinflüsse wie Laub oder Pollen, Graphitstaub vom Bremsen der Fahrzeuge und auch die Überbleibsel unserer Fahrgäste wollen jeden Tag aufs Neue wieder beseitigt werden. Neben dem Müll und den Flecken auf dem Boden werden aber auch die Fahrkartenautomaten, die Sitzflächen, Treppen sowie Aufzüge und die Fahrplanvitrinen ständig gereinigt, damit sie am nächsten Tag wieder zum Verweilen einladen. Besonders im Winter ist zudem der Einsatz von Desinfektionsmitteln wichtig, damit Erkältungsbazillen an unseren Haltestellen erst gar keine Chance haben.

Die Aufzüge zu den Tunnelstationen werden täglich gereinigt.

Neben diesen alltäglichen Reinigungen gibt es auch jährliche Grundreinigungen. Ob Wände, Decken, Lampen, Gleise – bei der Intensivreinigung wird mehrere Nächte am Stück so lange geschrubbt, bis die Stationen wie neu glänzen. Am Kröpcke dauert so einige Grundreinigung dann schon mal bis zu zwei Wochen, ehe jeder Winkel der großen Station geputzt wurde. All das bekommen die Fahrgäste meist gar nicht mit, da der Großputz immer nachts stattfindet, wenn keine Fahrgäste und vor allem auch keine Fahrzeuge in den Stationen unterwegs sind.

Auch unsere 677 Bushaltestellen werden regelmäßig wieder auf Vordermann gebracht. Hierfür ist ebenfalls die protec engagiert und macht sämtliche Bushaltestellen im zwei Wochen-Rhythmus von oben bis unten sauber, inkl. aller Fußböden, Sitzflächen, Glasflächen und so weiter. Sobald die letzte der 677 Haltestellen gesäubert wurde, geht es dann, wie an den Bahnhaltestellen auch, wieder von vorne los.

Bei ihren Einsätzen sind die Reinigungsspezialisten immer in Teams im Einsatz. Zum einen erfordern manche Tätigkeiten mindestens vier Hände, zum anderen können sie sich so gerade in Gleisnähe gegenseitig absichern. Außerdem helfen ihnen neben den klassischen Putz-Utensilien wie Lappen und Besen auch schwere Geräte wie Hochdruckreiniger, Scheuerwalzen und Scheuersaugmaschinen. Das verwendete Putzmittel – darauf achtet bei der üstra das Umweltschutzmanagement – ist dabei zwar sehr stark aber trotzdem umweltschonend.

Bei einer Grundreinigung werden wirklich alle Flächen abgewischt – ohne Ausnahme.

All das passiert an sieben Tagen die Wochen, mindestens einmal täglich. An den großen Umsteigestationen der Stadtbahn, wie zum Beispiel am Kröpcke oder am Hauptbahnhof, sind die Reinigungsteams sogar zweimal täglich unterwegs. Zusätzlich haben die protec sowie die üstra einen 24-Stunden Bereitschaftsdienst. Wenn also nachts mal eine größere Verschmutzung auftritt oder eine Glasflasche oder Scheibe zu Bruch geht, kommen innerhalb kürzester Zeit Mitarbeiter, um das Problem sofort zu beheben.

Damit all unsere Haltestellen immer so rein wie möglich sind, appellieren wir an unsere Fahrgäste: Denn wenn sich jeder auch im öffentlichen Nahverkehr so sauber verhält wie zuhause, haben am Ende alle was davon.

Wer sehen möchte, wie so eine Grundreinigung am Hauptbahnhof aussieht, klickt hier:

 

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Es sind sehr viele Gute

Heute ist Mittwoch. Wir haben wieder Vorstellungsgespräche für unsere Ausbildungsplätze. Heute kommen 25 junge Menschen, die sich um einen Ausbildungsplatz zur Fachkraft im Fahrbetrieb beworben haben. Bisher hatte ich mit den Bewerbungen noch nicht viel zu tun. Meine Kolleginnen haben sich die Zeugnisse und Anschreiben angeschaut und die Einstellungstests durchgeführt. Ich gehe also unvoreingenommen mit zwei Führungskräften aus dem Stadtbahn- und dem Busbereich in die Gespräche. Außerdem sind immer ein Kollege vom Betriebsrat und der zuständige Ausbilder dabei.

Die erste Gruppe wird vom Pförtner abgeholt. Es sind vier Jungs und ein Mädchen. Wir erleben wieder die Nervosität und die Angst der jungen Menschen. Was kommt auf sie zu, wie müssen sie sich verhalten, was ist, wenn sie eine Absage bekommen. Diese und viele weitere Fragen geistern den Bewerbern durch den Kopf. Für viele ist dies der Einstieg in den Beruf. Da wir unsere Gespräche erst im Februar / März machen, haben die meisten schon Absagen von anderen Firmen bekommen. Das steigert natürlich die Nervosität noch mehr. Wir versuchen, eine lockere Stimmung zu erzeugen, um sie zu beruhigen. Wir wissen aber, dass wir das nur sehr begrenzt können. Es folgt nun eine kurze Begrüßung und ich stelle die Kollegen vor. Während ich den Ablauf des Gesprächs schildere, fällt mir auf, dass ich mich (mal wieder) selber nicht vorgestellt habe. Mit einem kurzen Spruch erledige ich das und entlocke den Bewerbern ein kurzes Lachen, sodass sich etwas von der Anspannung lösen kann.

Das Bewerbungsgespräch

Nun wird es ernst. Wir teilen uns auf verschiedene Räume auf und jeder meiner Kollegen nimmt sich einen Bewerber. Ich bekomme Sascha Müller (17, Name geändert). Die Nervosität des jungen Mannes steigt wieder enorm an. Ich versuche, ihn zu beruhigen. Dann geht es los. Standardmäßig stelle ich unsere Fragen: „Sie wollen diesen Beruf ja hoffentlich lange ausüben. Was wissen sie denn über die Tätigkeiten?“ Sascha stottert am Anfang etwas, kommt dann aber schnell in das Thema und sprudelt los. Die Haupttätigkeit ist natürlich das Fahren. Er habe gehört, dass die neuen Fachkräfte im Fahrbetrieb jetzt beide Führerscheine machen dürfen, sowohl Bus als auch Bahn. Ich bejahe das und sehe leuchtende Augen. Dann redet er weiter. Einsatz im Kundenzentrum, in der Leitstelle und auf den Betriebshöfen. Begleiten der Kontrolleure, Mischarbeit und noch einiges mehr. Ich bin begeistert von seinem Wissen. Volle Punktzahl. Auch die Frage, was die üstra eigentlich macht, kann er souverän beantworten. „Die üstra befördert Fahrgäste mit Bussen und Bahnen.“ Bei den Nebentätigkeiten kann er auch noch einige gute Antworten geben. Hier bekommt Sascha ebenfalls die volle Punktzahl. Gestern hatte ich einen jungen Mann im Gespräch, der auf diese Frage geantwortet hat: „Äh … Straßenbahn …. und Busse!“ Da bei diesem keine weiteren Antworten kamen, war die Punktzahl auch sehr übersichtlich.

Ich stelle Sascha noch einige weitere Fragen und bin sehr zufrieden. Wir gehen zurück in den großen Raum und meine Kollegin erklärt die nächste Übung. Jeder bekommt einige Karten mit Informationen drauf. Die Bewerber dürfen sich die Karten zwar nicht zeigen, aber vorlesen oder an die Flipchart schreiben. Sie sollen gemeinsam die Lösung erarbeiten. Es gehe aber vor allem darum, dass wir beobachten, wie die Bewerber miteinander umgehen. Die jungen Menschen sind zu diesem Zeitpunkt schon in ihre Karten vertieft. Ich stelle mir insgeheim die Frage, ob sie den letzten Satz überhaupt noch gehört haben. Das Mädchen Anika übernimmt die Moderation. Ich blättere in ihren Bewerbungsunterlagen und sehe, dass sie in Arbeits- und Sozialverhalten gute Bewertungen hat. Nach kurzer Zeit stehen alle Bewerber an der Pinnwand und bringen ihre Informationen zusammen. Die Aufgabe ist sehr schwer, dass wissen wir. Dadurch vergessen die Bewerber aber irgendwann, dass sie beobachtet werden. Das ist besonders bei eher schüchternen Menschen von Vorteil. Anika holt die Jungs immer wieder ins Boot, fordert Informationen ein. Insgesamt ist dies gerade eine gute Gruppe, sie arbeiten toll zusammen. Sascha fragt, was am Aegi los ist, irgendwie verzögert sich da die Wartezeit. Der Bewerber neben Sascha zählt gerade die Haltestellen einer Linie durch. Insgesamt hängt die Gruppe gerade. Das ist für uns aber an diesem Punkt völlig normal und wir geben unseren ersten Tipp. Die Gruppe nimmt wieder Fahrt auf und nach zwei weiteren Hinweisen vom stellvertretenden Betriebsleiter wird die Aufgabe gelöst. Wir bedanken uns bei den jungen Menschen und erzählen nochmal, dass es uns nicht um die Lösung, sondern um das Miteinander ging. Ich schaue in ungläubige Gesichter. Ich bekomme dadurch bestätigt, dass sie die letzte Bemerkung am Anfang dieser Übung wirklich nicht mehr mitbekommen haben.

Bestandene Prüfung = Fester Arbeitsbertrag

Nun haben die Bewerber die Möglichkeit, uns Fragen zu stellen. Drei aus dieser Gruppe haben sich vorbereitet. Wo die Berufsschule sei, wie die Ausbildung abläuft und wie das mit der Freifahrt auf den üstra Linien ist. Niemand fragt nach Urlaub und Ausbildungsvergütung. Wir wissen, dass ihnen das in der Schule so beigebracht wird. Deshalb geben wir diese Angaben direkt. Sascha fällt noch eine Frage ein, wie das denn hinterher mit der Übernahme sei. Unser Betriebsrat betont, dass wir bedarfsgerecht ausbilden. Das heißt, dass jeder nach der Ausbildung – solange er oder sie die Prüfung besteht und keine goldenen Löffel klaut – einen Festvertrag bekommt. Die Bewerber haben keine weiteren Fragen. Wir bedanken uns, bestätigen zweien noch schriftlich, dass sie dabei waren. Dann bringt ein Auszubildender sie wieder zum Hofausgang. Wir sind uns einig, dass das eine tolle Gruppe war. Besonders der Sascha und die Anika haben uns gefallen, aber auch die anderen drei waren gut.

So gehen die Gespräch weiter. Auch Donnerstag und Freitag lernen wir noch viele Bewerber kennen. Am Freitag nach dem letzten Gespräch wird es dann für die Prüfer richtig schwierig. Wir haben 18 Ausbildungsplätze, aber noch 50 Bewerber in die Gespräche eingeladen. Als erstes sortieren wir die Kandidaten aus, wo wir uns einig sind, dass sie nicht zu uns passen. Das geht relativ schnell, aber es sind selten mehr als 10. Jetzt wird es schon schwieriger. Im nächsten Schritt suchen wir diejenigen raus, die uns besonders positiv aufgefallen sind. Ganz vorne liegt Sascha, auch Anika ist schon auf dem Stapel. Jetzt geht das Feilschen los, der vielleicht gemeinste Prozess im Bewerbungsverfahren. Jeder hat seine Favoriten, es muss aber ein gemeinsames Ergebnis her. Das Problem ist nicht, dass wir nicht ausreichend Gute hätten. Vielmehr haben wir erheblich mehr tolle junge Menschen als wir Ausbildungsplätze haben. Und nun versuchen wir, eine Prognose zu stellen, ob die üstra und dieser junge Mensch langfristig zueinander passen. Wir wissen, dass mindestens die Hälfte derer, denen wir absagen, einen guten Job machen würden. Und genau das macht die Entscheidung so unglaublich schwer. Nach zwei Stunden ist die Liste fertig. Wir haben uns auf 18 junge Menschen geeinigt und noch eine Reserve von neun Bewerbern festlegt. Erfahrungsgemäß springen immer wieder einige Bewerber ab, deshalb eben diese Reserve.

Was nun folgt, ist wieder Routine. Die Zustimmung vom Arbeitsdirektor, Betriebsrat und Personalleiter einholen, dann werden die Zu- und Absagen geschrieben. Absagen auch an einige gute junge Menschen. Wir hoffen, dass auch diese unterkommen werden oder sich im nächsten Jahr wieder bei uns bewerben.

Bald geht es wieder los

Insgesamt haben wir wieder eine gute Auswahl getroffen. Und seit 01. September diesen Jahres stehen sie vor uns und tragen mit Stolz ihre neue Dienstkleidung. Sie werden schnell feststellen, dass auch sie als Auszubildende zur üstra Familie gehören und unseren Fahrgästen von Anfang an qualifizierte Auskünfte geben müssen. Und sie sind vom ersten Tag an ein guter Markenbotschafter unseres Unternehmens.

Aber auch für uns geht es bald wieder von vorn los. Bis Ende Januar läuft noch der Bewerbungszeitraum für die Ausbildung 2016. Im Frühjahr geht es dann wieder in die Bewerbungsphase und ich lerne wieder ganz neue Persönlichkeiten kennen, von denen einige ein Teil der üstra Familie werden.

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Hannover lieben lernen in 3 Akten

Es war ein milder Tag im März als ich zum ersten Mal den Weg nach Hannover finden sollte. Der Anlass: Mein Vorstellungsgespräch bei der üstra. Als typische Rheinländerin bin ich schon ganz gut rumgekommen, immer im Hinterkopf die rheinische Lebensfreude in die Welt zu transportieren. In die Leinestadt hatte es mich aber noch nie verschlagen. Sowieso erschien mir vorher alles zwischen Pott, Hamburg und Berlin eher wie eine Eiswaffel ohne Eis: leer und langweilig. Wie hätte ich denn wissen können, wie schnell sich so eine Eiswaffel füllen lässt.

Akt 1: Und Sie sind …?

Nach nur wenigen Stunden Verspätung stieg ich leicht verknittert aus meinem Zug. Zum Glück hatte ich genug Zeit eingeplant, da ich vor meinem Termin ausreichend hannoversches Ambiente einsaugen wollte. In Eile schlängelte mich durch die Menschenmassen am Hauptbahnhof, um dann etwas ratlos unter dieser großen Reiterstaue zu stehen. „Wieso stehen hier so viele wartende Menschen? Wie eine Haltestelle sieht das hier nicht aus? Und überhaupt: Wo ist die Haltestelle der Linie 10?“ Ohne zu wissen in welche Richtung, tapste ich langsam über den Ernst-August-Platz und wunderte mich, wer wohl den ganzen Tag in dieser kleinen üstra Box arbeitet. Schon sah ich die grüne 10 an mir vorbeirauschen und erwischte sie noch gerade so. Gestresst kam ich am Hohen Ufer an und traf dort auf meinen ersten Einheimischen: unseren Pförtner. Und schon war das Klischee des verschlossenen und ernsten Hannoveraners dahin. Mit einer Menge Smalltalk schaffte er es, dass ich doch entspannt in das alles verändernde Vorstellungsgespräch gehen konnte.
Anschließend blieb keine große Zeit mich endlich der Landeshauptstadt zu widmen. Der Zug in die Heimat hatte diesmal keine Verspätung. So war mein erster Kontakt mit Hannover also eher ein flüchtiges Zusammenstoßen. Durch die zukünftigen Kollegen, die ich kennenlernen dürfte, blickte ich mich nach dem Aufprall aber doch gerne nochmal um.

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Akt 2: Die ersten Dates

Wenige Tage später erhielt ich dann die Nachricht: „Herzlichen Glückwunsch, Sie haben es geschafft!“ Nach den ersten drei Luftsprüngen realisierte ich dann, dass ich das Rheinland tatsächlich gegen Hannover tauschen würde…verrückt. Bloß nicht zu viel darüber nachdenken, einfach machen! Also stopfte ich mir ein paar Wochen später einen ganzen Tag voll mit Besichtigungsterminen für mein neues Heim. Einen Tag lang ging es im Zick Zack durch ganz Hannover. Natürlich konnte das nur mit der üstra geschehen, schließlich sollte der neue Arbeitgeber auch ordentlich auf die Probe gestellt werden. Als ich endlich das Konzept der Buslinien 100 und 200 verstand, lief es dann auch reibungslos und ich kam zu jedem Termin pünktlich. Ich konnte mir Gegenden ansehen, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Dabei war es gar nicht so leicht den Kontrast zwischen Schulenburger Landstraße und Lichtenbergplatz in nur 20 Minuten Fahrtzeit zu verdauen.
Beim ersten vorsichtigen Rantasten kommt es ja aber auch auf die inneren Werte an, also die Hannoveraner selbst. Auch wenn die Grundstimmung dank Nieselregen etwas getrübt war, schwang immer eine Herzlichkeit mit, die ich in anderen Großstädten oft vermisst habe. Denn hier wurde mir der richtige Weg nicht nur erklärt, er wurde gemeinsam gegangen. Hier bekam ich nicht nur spontane Termine mit Vermietern, sondern auch hilfreiche Tipps, für das Leben in der neuen Stadt. Der Großteil der Menschen, die ich hier traf, gab mir das Gefühl nicht nur ein Gast zu sein, sondern ein zukünftiger Hannoveraner und das war kein schlechtes Gefühl.

Akt 3: Die rosarote Brille

Die Zeit raste nur so an mir vorbei und schon stand das große Umzugswochenende bevor. Als wollte mir Hannover ein Einzugsgeschenk machen, funktionierte einfach alles wie geschmiert: Kein Stau auf der Hinfahrt, ein Parkplatz direkt vor der Haustür und eifrige Helfer ohne Rückenprobleme. Und auch der erste Tag als offizielle Hannoveranerin, ließ nichts zu wünschen übrig. Nachdem ich beim Bürgeramt nicht warten musste, sondern vor meinem eigentlich Termin dran kam (wer hat schon einmal von so etwas gehört?), in der Ernst August Galerie noch ein paar Dekorationsartikel kaufte und das letzte Regal aufbaute, war die Zeit endlich reif die Innenstadt zu erkunden. Zum ersten Mal schlenderte ich auf der Georgstraße, betrat die schmalen Gassen der Altstadt und verschaffte mir auf dem Neuen Rathaus einen Überblick. Dabei war ich jedes Mal erstaunt, wie eine Stadt an der einen Ecke so groß und an der nächsten wieder so beschaulich wirken kann. Für mich ist es aber genau dieser Kontrast, der mich immer wieder packt. Bis heute lerne ich jeden Tag Neues über meine Wahlheimat kennen und fühle mich trotzdem wie zu Hause. Oh Hannover, hör nie auf, mich in deinen Bann zu ziehen!

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40 Jahre (U-Bahn) Tunnel in Hannover

Zehn Jahre nur lagen zwischen dem Beginn des U-Bahn-Baus in Hannover 1965 und der Aufnahme des Stadtbahnbetriebs auf einer ersten Tunnel-Teilstrecke. Ein kurzer Überblick über das, was die Stadt buchstäblich Zug um Zug tiefgreifend veränderte.

Am Anfang stand eine Rede. Wie noch so viele weitere Male, wenn ein erster Spatenstich oder erster Rammschlag anstand. Am 16. November 1965 aber war es ein historischer und zugleich besonders weit in die Zukunft weisender Anlass, der der die Menschen nahe des Waterlooplatzes zusammenkommen ließ. Hannover bekommt eine U-Bahn. Gut, zunächst sollte Hannover ziemlich viele Baustellen bekommen. Eine Stadt ändert ihr Gesicht – das stieß nicht überall auf Begeisterung. Nicht zu vergessen: Das Ende des Zweiten Weltkrieges mit seinen das Herz Hannovers fast auslöschenden Zerstörungen lag beim Start des U-Bahn-Baus erst gut 20 Jahre zurück, der Wiederaufbau war im Wesentlichen gerade abgeschlossen. Und nun sollte es im Herbst 1965 wieder losgehen mit dem Gewühle, mittendrin am Kröpcke und auch in engen Bereichen mit geretteten Altbauten wie an der Markthalle oder der damaligen Celler Straße, die seit Eröffnung der U-Bahn Richtung Buchholz 1976 „Lister Meile“ heißt.

Hannovers Innenstadt wurde untertunnelt, so auch der Hauptbahnhof.

Am 23. Juni 1965 war der Ratsbeschluss „zur Verbesserung des Gesamtverkehrs und zur Förderung des öffentlichen Nahverkehrs in der Stadt Hannover eine U-Bahn zu bauen“ gefallen. Keine fünf Monate später ging es schon los, am Waterlooplatz, Ecke Gustav-Bratke-Allee. Nach kurzer Zeit war dennoch gleich wieder Schluss mit dem U-Bahn-Bau. Der Grund wirkt zunächst ein wenig typisch hannoversch: Es fehlte am nötigen Geld für den Bau. Tatsächlich änderte sich schon bald die Gesetzgebung, bundesweit. Ohne das „Gemeinde-Verkehrs-Finanzierungs-Gesetz“ (GVFG) hätte es so manche Verbesserung im Nahverkehr nie gegeben.

Fortschritt, das war stets ein Begleiter der „U-Bahn“ in Hannover, die als Stadtbahnsystem bei Experten weltweit Furore machte. Es sprach sich herum, dass man den Verkehr der Zukunft in Hannover trefflch erleben könne, in der „Stadtbahnstadt“. Die ebenso konsequente wie logische, abschnittweise Umstellung von Straßenbahn- auf Tunnelbetrieb, die kreuzungsfreien Anschlussstrecken, die Technik von Tunnel und Triebwagen standen im Fokus, auch sprunghaft steigende Fahrgastzahlen und die Neuordnung des Verkehrsraumes. Hier geschah alles mit Weitblick. Da war es dann auch kein Problem mehr, nach dem Zuschlag als Ausrichterstadt der Weltausstellung EXPO 2000 das Stadtbahnnetz passend zu ergänzen. Und auch danach war mit dem Um- und Ausbau des Netzes nicht Schluss. Nun wurde die erste Stadtbahnstrecke A runderneuert, erweitert und als erste vollständig barrierefrei. Jetzt fahren hier die neuen Stadtbahnwagen TW 3000 zuerst – ein Kreis schließt sich.

Zur EXPO 2000 wurde das Streckennetz ergänzt.

Einst, im September 1975, war an drei Tagen die Stadt aus dem Häuschen: Hannover fährt U-Bahn! Am Freitag, 26. September, wurde der Tunnelbetrieb aufgenommen, zunächst nur zwischen Hauptbahnhof und Goetheplatz. Ab Sonntag, 28. September 1975 fuhr die neue Linie 12 dann zwischen Hauptbahnhof und Oberricklingen, erst einmal parallel zu den Straßenbahnlinien  7, 14 sowie einigen Verstärkern in der Hauptverkehrszeit.

Der Erfolg blieb nicht aus, die Fahrgastzahlen stiegen teilweise sprunghaft an, ungeahnter Andrang stellte sich ein. Schon 1983 wurden (zur Messe) Dreiwagenzüge gefahren, ab 1998 sogar 100 Meter lange Vierwagenzüge. Heute sind 75-Meter-Züge aus drei „Silbernen“ bereits auf vier Linien – plus drei weiteren im Messeverkehr – ganz normal. Und wirklich niemand mag sich vorstellen, wie dieser Betrieb, diese Fahrgastzahlen ohne die vor mehr als 50 Jahren so nachhaltig geplanten und gebauten Tunnelanlagen auch nur annähernd bewältigt werden könnten. Sechs Bahnsteige und rund um die Uhr zehn Stadtbahnlinien am Kröpcke, manchmal mehr – und darüber Bäume und urbanes Leben, Schorsenbummel, Schützenausmarsch oder Weihnachtsmarkt. Hannover ist mit der Stadtbahn sichtlich grüner geworden.Viel geschah in diesen 40, 50 Jahren: Auf der noch 1974 zur Stillegung vorgesehenen langen Strecke nach Sarstedt fährt seit 1982 die Stadtbahnlinie 1 – größer kann ein Entwicklungssprung kaum sein. In alle Himmelsrichtungen wuchs das Netz, mal um eine Station (Mühlenberg 1977), mal um viele Kilometer (Bemerode, Altwarmbüchen, Misburg), mal bis in Nachbarstädte (Garbsen, Langenhagen) hinein. 1965 umfasste das Straßenbahnnetz 87 Kilometer, aktuell sind es 123,5 km (Gleislänge 253 km). Dazwischen wurde 30 Mal Streckeneröffnung gefeiert.

Erinnert sei auch daran: 1981 demonstrierten erstmals Rollstuhlfahrer bei einer Streckeneröffnung – es gab nämlich viel zu wenig Aufzüge und nur eine Handvoll Hochbahnsteige. Längst aber erwarten auch in der persönlichen Mobilität eingeschränkte Menschen ihre Stadtbahn mit Vorfreude, wie zuletzt in Misburg, denn mit ihr kommt mehr Selbstständigkeit. Der Alltag kann erheblich leichter werden.

Vor 10 Jahren wurde der 30. Geburtstag des Tunnels bereits mit einer Sonderfahrt der Linie 12 gefeiert.

Die oben beschriebene Liniennummer 12 war nur bei einer Tunnelstrecken-Inbetriebnahme dabei, eben der ersten 1975. Schon mit Eröffnung der zweiten Teilstecke am 4. April 1976 gab es die „12“ nicht mehr, und das hat sich bis heute nicht geändert. Irgendwie ist die historische Nummer für alle anderen Aufgaben tabu, sie hatte nur interne Bedeutung und fand sich seither auf keinem Netzplan. Für Fahrgäste rollt die geradezu legendäre „12“ dennoch zu ganz besonderen Anlässen, in diesem Jahrtausend jetzt zum zweiten Mal: 2005, als „30 Jahre Tunnelbetrieb“ gefeiert wurden, kehrte die „12“ für einen Tag auf ihre Strecke zurück. Das wird auch am Samstag, 26. September 2015, so sein, wenn der Förderverein Straßenbahn Hannover e.V. – er betreut die historischen Bahnen – und die üstra mit der Sonderlinie 12 Hauptbahnhof (U-Station) – Schwarzer Bär – Wallensteinstraße gemeinsam an nunmehr „40 Jahre Tunnelbetrieb“ erinnern.

Spannende Hintergrundgeschichten wie diese finden Sie auch in unserem Magazin üstraPROFIL

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