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Unser blinder Fleck

Unser blinder Fleck

„Auf Weisung der Reichssicherheitshauptamtes findet die Abschiebung der noch in Hannover einschließlich Hildesheim verbliebenen evakuierungsfähigen Juden nunmehr am 31.3. 1942 statt“,

schrieb die Gestapo Hannover mit dem Vermerk „Eilt – Vertraulich!“ an die ihr untergebenen Dienststellen. Und weiter hieß es:

„Die Überführung der von der Außenstelle Hildesheim im Regierungsbezirk Hildesheim festzunehmenden Juden erfolgt am Freitag, den 27.3.1942 mittels Sonderwagen der Straßenbahn nach der Gartenbauschule Ahlem.“

Das Schriftstück, das sich heute im Niedersächsischen Hauptstaatsarchiv befindet, belegt die Beteiligung der üstra an der Deportation von Juden im Dritten Reich. Die Gartenbauschule Ahlem war eine Einrichtung der jüdischen Gemeinde gewesen und wurde von der Gestapo in ein Gefängnis und Sammellager umfunktioniert, von wo aus – über den Bahnhof Fischerhof – die Juden auf Eisenbahnzüge verfrachtet und in das Vernichtungslager Treblinka gebracht wurden. Es gibt ein Foto im Stadtarchiv Hildesheim vom 27. März 1942, das die Deportation zeigt, die in dem Schriftstück angeordnet wurde. Ihre letzte Habe auf den Rücken geschnallt, marschieren die Juden auf die wartenden Straßenbahnen zu – ihrem sicheren Tod entgegen.

2012 wurde die üstra 120 Jahre alt. Bei solchen Jubiläen denkt man an Straßenbahn-Oldtimer, an Sonntagsreden mit Rückblicken auf eine stolze Unternehmensgeschichte. Wir bei der üstra hatten uns im Jahr zuvor entschlossen, gerade das Jubiläumsjahr 2012 mit einem Blick zurück in das dunkelste Kapitel der üstra Geschichte zu beginnen: Die Zeit der üstra im Dritten Reich. Unser Vorstand entschloss sich, die unabhängige hannoversche Historikerin Janet von Stillfried mit der Erforschung dieser Vergangenheit zu beauftragen und ihr dazu alle Archive zu öffnen. Ihr Fokus lag auf der Zwangsarbeit bei der üstra 1938 bis 1945, denn nur durch die gnadenlose Ausbeutung gefangener und verschleppter Menschen aus ganz Europa konnte der Nahverkehr in Hannover und damit die Kriegsproduktion aufrecht erhalten werden.

Die üstra hat zwischen 1938 und dem Ende des Zweiten Weltkriegs 788 Zwangsarbeiter aus West- und Osteuropa beschäftigt, die unter härtesten Lebens- und Arbeitsbedingungen den Nahverkehr in Hannover während des Zweiten Weltkriegs aufrechterhalten mussten. Auch jüdische Mitbürger wurden zur Zwangsarbeit im Nahverkehr gezwungen und waren den Schikanen und Misshandlungen von Mitarbeitern und Vorgesetzten bei der üstra ausgesetzt. Untergebracht waren die Zwangsarbeiter in zahlreichen Lagern, die die üstra im ganzen Stadtgebiet unterhielt.

Die üstra beutete nicht nur Zwangsarbeiter aus, sondern beförderte auch die rund 60.000 nach Hannover verschleppten Zwangsarbeiter zwischen ihren Lagern und ihren Arbeitsstätten. Eine der Zwangsarbeiterinnen war

Ira (Irina) Wolkowa. Zur Zwangsarbeit nach Hannover deportiert, musste sie bei der Post arbeiten. Zeitzeugenberichten zufolge wurde sie während einer Straßenbahnfahrt verhaftet, als sie Lebensmittel für ihre Cousine Nadja bei sich trug. Der Vorwurf des Diebstahls aus Postpaketen brachte sie in das Gestapo-Gefängnis nach Ahlem. Um die Herkunft der Waren zu erfahren, wurde Ira Wolkowa gefoltert. Als sie dennoch schwieg, wurde sie am 22. März 1945 – nur wenige Wochen vor Kriegsende – erhängt. Ira Wolkowa wurde nur 18 Jahre alt. Das war heute vor 70 Jahren.

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Auf Anregung der üstra wurde 2013 der kleine Weg, der zum Betriebshof Glocksee führt, in Ira-Wolkowa-Weg umbenannt. Seitdem führt die üstra diesen Namen als Adresse des Betriebshofs und erinnert so an ein Opfer des NS-Regimes.

[Das Buch von Janett von Stillfried „Ein blinder Fleck – Zwangsarbeit bei der üstra 1938 bis 1945“ ist im Kundenzentrum der üstra für 16,95 Euro erhältlich.]

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Mögen Sie Verspätungen?

Mögen Sie Verspätungen?

Sätze wie „Oh man, die Bahn ist mir genau vor der Nase weggefahren“ oder „der Fahrer hat mich laufen gesehen und trotzdem die Tür zugemacht“ sind wohl so alt wie der Nahverkehr selbst. Und auch ich ärgere mich, wenn ich morgens aus dem Hauptbahnhof komme und die Linie 10 zum Hohen Ufer (Sitz der üstra Verwaltung) nicht mehr erwische, obwohl meine Uhr mir sagt, ich sei absolut pünktlich. Liegt das jetzt daran, dass meine Kollegen im Fahrdienst mir und allen anderen Fahrgästen einen Streich spielen wollen oder gehen deren Uhren vielleicht dauernd falsch?

Der Blick auf die Armbanduhr - und trotzdem ist die Bahn schon weg.

Der Blick auf die Armbanduhr – und trotzdem ist die Bahn weg. Denn Abfahrts- und Zustiegszeit sind zwei Paar Schuhe.

Mitnichten! Die üstra will ihre Fahrgäste pünktlich ans Ziel bringen und das an 365 Tagen im Jahr. Genau dafür haben wir einen Fahrplan, der auf die Minute getaktet ist und den Anschluss von Bahnen und Bussen sicherstellt. Dieser Fahrplan sieht für jede Bahn (und jeden Bus) an jeder Haltestelle auf jeder Linie eine vorgeschriebene Abfahrtszeit vor. Kann diese nicht eingehalten werden, weil etwas die Strecke blockiert oder die Bahn zu lange an einer Haltestelle wartet, kommt es zu Verspätungen, Anschlüsse werden verpasst und auch alle folgenden Bahnen kommen aus dem Takt. Doch gerade dieser Takt, der Fahrplan, bildet den Puls der üstra. Wird er gestört, kann das Herz des Nahverkehrs nicht mehr problemlos schlagen, was zu Frust und Ärger bei unseren Fahrgästen (und auch bei uns) führt.

Keinem Fahrer macht es Spaß, an einem nasskalten Märztag heran eilende Fahrgäste stehen zu lassen. Doch die auf Fahrplänen angegebene Abfahrtszeit dient nun mal der Abfahrt der Bahnen. Meine Linie 10 zum Beispiel sollte heute Morgen um 8.07 Uhr am Hauptbahnhof starten. Als ich die Haltestelle erreichte, sagte meine Uhr 8.07 Uhr, trotzdem sah ich nur noch die Rücklichter der Bahn. Aber eine Minute, die hat ja bekanntlich 60 Sekunden. Es kann also sein, dass die Bahn um 08:07:20 abgefahren ist, ich aber erst um 08:07:40 die Haltestelle erreicht habe. Pech gehabt! Irgendwann muss der Fahrer einen „cut“ machen, denn gerade am Hauptbahnhof kommt immer noch einer und dann noch einer, der genau diese Bahn erwischen will. Wartet der Fahrer immer wieder auf diesen einen Menschen, stehen an der nächsten Haltestelle aber zwanzig weitere, die wiederum nervös zur Uhr gucken. Zusätzlich kann der Fahrer ja auch nicht immer einfach losfahren, denn auch unsere Stadtbahnen haben Ampeln und wenn das „T“-Signal aufleuchtet, heißt es Türen zu und beim Umschalten der Ampel dann auch losfahren. Ein Fahrer muss auch immer abwägen, ob er jetzt das Wohl eines einzelnen Fahrgastes (der gerade zur Haltestelle sprintet) über das Wohl der vielen (wartenden) Fahrgäste an der nächsten Haltestelle stellt. Und seien wir mal ehrlich – mögen Sie Verspätungen?

Doch nun die gute Nachricht für alle, die dann doch eben mal nur die Rücklichter sehen: Die nächste Bahn kommt schon in ein paar Minuten! Unser Takt ist besonders im morgendlichen Berufsverkehr so eng, dass ich bereits vier Minuten später in die 17 steigen konnte.

Zu guter Letzt noch ein Denkanstoß: Ich selbst bin leidenschaftlicher Tatort Fan, versuche keinen Film zu verpassen. Doch auch der Tatort hat eine feste „Abfahrtszeit“, nämlich Sonntag um 20.15 Uhr. Schaffe ich das nicht pünktlich, weil ich noch den Abwasch mache oder koche, verpasse ich im schlechtesten Fall den Mord, die entscheidende Szene des wöchentlichen Krimis. Während ich beim Tatort ohne diese Szene aber nicht mehr volle Fahrt vor dem Fernseher aufnehmen kann (der Tatort aus der Internetkonserve ist schließlich nicht das gleiche), kommt bei der üstra zum Glück gleich schon die nächste Bahn.

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Wenn die Firma zur Familie wird

Wenn die Firma zur Familie wird

Es war ein sonniger Januartag, als unsere Fahrerin Sophie mit ihrem Silberpfeil auf der Linie 6 in Richtung Endhaltestelle Nordhafen fuhr. Doch dann übersah ein Sattelschlepper ihre Bahn, nahm ihr die Vorfahrt. Es kam zum Unfall, bei dem sich unsere Kollegin so schwer verletzte, dass sie direkt ins Krankenhaus in den OP musste. Und im Krankenhaus ist sie leider heute immer noch.

Bei knapp 27 Millionen Stadtbahn-Kilometern, die die üstra in einem Jahr zurücklegt, passieren auch Unfälle. Aber dieser war kein „normaler“ Unfall. Dieser erschütterte das gesamte Unternehmen. Die Kollegen waren schockiert über die schwere, Sophies Geschichte zog ihre Kreise und alle waren sich einig: Wir müssen ein Zeichen setzen. Also entwickelten ihre direkten Kollegen eine Idee und setzten diese in nur zwei Wochen um. Peter Kierse, Leiter Fahrgruppen und damit ihr direkter Vorgesetzter, fasste es in Worte: „Die üstra ist wie eine Familie. Und die hält zusammen, wenn es hart auf hart kommt. Deshalb mussten und wollten wir ein Zeichen setzen – Sophie wir sind in Gedanken bei dir und wünschen dir alles erdenklich Gute!“

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Seit heute fährt ein TW2000 – also ein Silberpfeil – mit Genesungswünschen für Sophie durch Hannover. Und wenn jeder von Ihnen da draußen nur einen guten Gedanken an sie schickt, wenn er die Bahn sieht, dann muss das mit der guten Besserung einfach klappen. Da sind wir uns sicher.

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Das muss gefeiert werden: 1 Jahr Facebook und Twitter bei der üstra

Das muss gefeiert werden: 1 Jahr Facebook und Twitter bei der üstra

Als wir vor gut einem Jahr unsere Facebookseite und den üstra Twitteraccount online schickten, begaben wir uns in ein – für üstra Verhältnisse – großes Abenteuer. Nahverkehr, das können wir. Aber online, können wir das auch?

Heute, ein Jahr später, haben wir über 4.100 Fans bei Facebook und über 1.600 Follower bei Twitter. Wow! Dafür möchten wir hier an dieser Stelle schon einmal Danke sagen. Wir erhalten jeden Tag so viele Nachrichten, Tweets, Fotos über diese Kanäle und sehen damit unseren Alltag aus einem ganz anderen Blickwinkel. Natürlich erhalten wir auch Kritik – und das ist auch gut so! Solange wir in einem angemessenen Ton auf kritische Punkte hingewiesen werden, sind wir natürlich gesprächsbereit und nutzen diese Punkte, um besser zu werden. Wir wissen, dass es da draußen Anlässe zum Aufregen gibt: Egal, ob es der Fahrkartenautomat ist, der gerade kein Kleingeld nimmt, der verspätete Bus oder die Bahn, die ausgefallen ist. All das registrieren wir und versprechen, dass keine Bahn, kein Bus und kein Automat absichtlich von uns manipuliert wird, um den Alltag unserer Fahrgäste etwas „spektakulärer“ zu machen.

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Am Kröpcke wollen wir dieses kleine Jubiläum ab morgen bis Samstag (14.2.) gemeinsam mit allen Hannoveranern (und auch den Besuchern unserer schönen Stadt) feiern. Deshalb steht von 10 bis 18 Uhr eine Pixelkiste auf der Verteilerebene neben dem Bahnsteig der Linien 3, 7, 9 (stadtauswärts). Hier können alle die möchten ein Foto von sich machen lassen und bekommen dies in einem Stadtbahn-Passepartout als Andenken mit nach Hause. Zudem laden wir – natürlich nur mit Einwilligung – die Bilder in einem Album bei Facebook hoch, von wo sie fleißig geteilt und verlinkt werden können. Am leichtesten findet man uns, wenn man vor Rossmann im Kröpcke die Treppe auf der linken Seite nimmt und dann am Bahnsteig auf die Verteilerebene wechselt.

In einem Jahr Social Media hat sich eine ganze Menge bewegt. Neue Kanäle sind hinzugekommen, der Kontakt zu den Fahrgästen ist vielleicht noch ein bisschen direkter geworden. Wir hoffen, durch die Verkehrsinfos auf Twitter – die ja zum Großteil auf die akuten, ungeplanten Störungen hinweisen – den einen oder anderen da draußen schneller zu informieren, warum die Bahn gerade nicht kommt. Und wir hoffen, durch die Posts bei Facebook einen Einblick in die Komplexität „ÖPNV“ zu geben. Denn Alltag bei der üstra ist sehr viel mehr als Busse und Bahnen durch Hannover fahren zu lassen.

PS. Am Samstag ist Valentinstag und für alle, die noch keine Idee haben: Kommen Sie einfach am Kröpcke vorbei und schießen Sie ein Valentinsbild mit ihrem Schatz. 😉

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Das üstra Herz schlägt schwarz-weiß-grün

Das üstra Herz schlägt schwarz-weiß-grün

Am Samstag startet Hannover 96 in die Rückrunde der Fußball Bundesliga. Bei der üstra aber schlägt das Herz für die Roten auch an den restlichen 364 Tagen im Jahr ein kleines bisschen schneller. Viele unserer Kollegen sind Fans der Roten, fiebern Woche für Woche mit der Mannschaft mit und tragen diese Verbundenheit auch in die üstra hinein.

Einer von Ihnen ist André Eisenblätter. Der gebürtige Hannoveraner, der bei der üstra 1979 seine Ausbildung zum Betriebsschlosser begann und inzwischen die Betriebswerkstatt Döhren leitet, liebt Hannover 96 seit mehr als zwei Jahrzehnten. Jedes zweite Wochenende geht der üstraner ins Stadion und feuert die Mannschaft von der Nordkurve aus an. Das sich diese Leidenschaft auch unter der Woche bemerkbar macht, ist für manch einen Kollegen in der Werkstatt eher Leid als Freud. „Ja“, gibt André Eisenblätter schmunzelnd zu, „wir haben hier auch mit ein paar Bayern Fans zu kämpfen. Aber in meinem Büro regiert 96 und das ist auch gut so“.

André Eisenblätter ist leidenschaftlicher 96 Fan.

André Eisenblätter ist leidenschaftlicher 96 Fan.

Doch nicht nur in Andrés Büro erkennt man, welchem Verein man auf dem Döhrener Betriebshof die Treue hält. So stehen in den Zugzielanzeigern aller abgestellten Bahnen immer „96“ und „Hannover“ als Fahrtrichtung, viele Poster und 96 Aufkleber zieren die Werkstatthallen. Und natürlich kam auch der Werkstatt PKW ohne eine 96 im Kennzeichen für André  nicht in Frage. Wer den 51-Jährigen im Dienst anrufen möchte, muss, wie sollte es anders sein, als letzte Ziffern auch die 96 wählen und das obwohl diese Nummer ursprünglich gar nicht für den Döhrener Betriebshof bestimmt war.

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Die 96 ist in Andrés Werkstatt überall präsent.

Seine Lieblingsgeschichte von Hannover 96 ist dabei auch eine üstra Geschichte. „Vor ein paar Jahren war eine Bahn mit 96- Spielern als Werbung beklebt. Da kamen die Spieler dann zum Fototermin auf den Betriebshof, vor allem auf Jiri Stajner (ehemaliger 96-Spieler, Anm. d. Autorin) hatte ich mich sehr gefreut“, erzählt André. Doch ausgerechnet der war am Tag des Termins krank. Doch sein Lieblingsverein fackelte nicht lange und lud den üstraner ins Stadion zum Meet and Greet mit „Stajni“ ein: „Sein Originaltrikot mit Unterschrift trage ich heute noch gerne, obwohl es etwas groß ist“, freut sich André.

Auch die Bahnen werden auf dem Döhrener Betriebshof zu 96 Fans.

Auf dem Döhrener Betriebshof werden auch die Bahnen zu 96 Fans.

Neben André gibt es auch viele andere Kollegen, die in ihren Büros oder auf den Betriebshöfen die 96-Utensilien stolz präsentieren und viele unserer Fahrer freuen sich, wenn sie, natürlich mit Trikot und Schal, die Fans zum Stadion bringen. Doch an dem speziellsten Ort, an dem die üstra zeigt, wie viel 96 in ihr steckt, hätte selbst André es wohl nicht vermutet. Tief unter dem Hauptbahnhof, versteckt hinter dicken Türen und Wänden, im Verborgenen der „stillen Station“, da hängt es, ein Mannschaftsposter von Hannover 96.  Denn egal ob im Fahrerstand, in der Werkstatt, in der Leitstelle oder dort unten – das üstra Herz schlägt schwarz-weiß-grün.