Qualifying ist erst am Samstag
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Qualifying ist erst am Samstag

Die Welt des Nahverkehrs hat ihre eigene Sprache. Da gibt es den Federspeicher, der manchmal Zicken macht, das Haltezeichen SH7, das tunlichst nicht übersehen werden sollte, und über allem wacht die Heilige Schrift des Nahverkehrs, die BO Strab (Betriebsordnung Straßenbahn). Leseprobe: „Betriebsbediensteten ist es untersagt, während des Dienstes und der Dienstbereitschaft alkoholische Getränke oder andere die dienstliche Tätigkeit beeinträchtigende Mittel zu sich zu nehmen oder den Dienst anzutreten, wenn sie unter der Wirkung solcher Mittel oder Getränke stehen.“

Wer sich in dieser Welt nicht nur zurecht finden möchte, sondern sie als Pressesprecher auch unkundigen Journalisten erklären muss, tut gut daran, selbst zu lernen, wie man eine Stadtbahn fährt. So kam auch ich am Anfang meiner üstra-Zeit von 15 Jahren in die Fahrschule.

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Es war eine Art Führerschein light, den ich erwarb – er heißt bei der üstra „D&A“ (Dienst- und Arbeitsgut). Man darf damit also Dienst- und Arbeitsgüter befördern (wozu bemerkenswerter Weise auch üstra Kollegen gehören) aber keine zahlenden Fahrgäste. Dieser Stadtbahn-Führerschein ist für Mitarbeiter in den Werkstätten gedacht, damit sie auf den Betriebshöfen rangieren oder Stadtbahnen von einer Werkstatt zur anderen überführen können. Das sind dann die Bahnen, an denen „Dienstwagen“ steht und die an den Stationen nicht halten.

üstraner sind Frühaufsteher – die Fahrschule begann morgens um 6. Als ich mir die Frage erlaubte, ob man denn wirklich vor Tau und Tag mit dem Unterricht beginnen müsse, erntete ich nur den lapidaren Hinweis, Betriebsbeginn bei der üstra sei um 3 Uhr 30. Ich hatte also nach Auffassung meines Fahrlehrers mehr als ausschlafen können. Nach vier Stunden Unterricht ging es auf die Bahn und hinaus ins Liniennetz – neben mir saß noch ein weiterer Kollege aus der Verwaltung im TW 6000 der Fahrschule. Die Scheibe der Fahrerkabine war ausgebaut, so dass der Fahrlehrer mir jederzeit über die Schulter greifen und mir die Bedienung der vor mir liegenden Schalter erläutern konnte. Außerdem hielt er einen kleinen Schaltknopf in der Hand, der über ein Kabel mit dem Armaturenbrett verbunden war und mit dessen Hilfe er im Fall der Fälle sofort bremsen konnte. Er nannte den Knopf seinen „Meinungsänderer“ – falls wir einmal unterschiedlicher Meinung waren…

Der Fahrlehrer war ein sehr sympathischer Kollege, der es wunderbar verstand, seinen Novizen das beizubringen, worauf es beim Stadtbahnfahren ankommt: Vorausschau, Umsicht, Mitdenken auch für die anderen Verkehrsteilnehmer. Der Pkw da vorn – sieht der mich überhaupt oder träumt der Fahrer und biegt gleich links ab? Die Dame, die dort am Überweg steht – wo schaut die hin? Bremsbereit sein, Augenkontakt suchen und besser noch ein Läutezeichen geben. Niemals käme ein Stadtbahnfahrer auf die Idee, sich die Vorfahrt erzwingen zu wollen oder rasch noch über ein schon Halt zeigendes Signal zu huschen. Man lernt in der Stadtbahn, defensiv zu fahren und die Nerven zu behalten, auch wenn schon wieder so ein sonnenbrillentragender Cabriofahrer einem die Vorfahrt abschneidet. Ich bin mir sicher, dass ich durch die Ausbildung in der Stadtbahn-Fahrschule auch ein wesentlich besserer Autofahrer geworden bin.

Der Fahrlehrer verstand es aber auch, uns die Angst vor dem riesigen Ungetüm zu nehmen, dass wir jetzt durch den Stadtverkehr zu steuern hatten. Es kostet beim ersten Mal einige Überwindung, das 28 Meter lange und 40 Tonnen schwere Fahrzeug in den Tunnel einzufahren und dabei zu beschleunigen. Sehen kann man im Tunnel nämlich außer den Signalen nicht besonders viel. Schon bald wich die Beklemmung dem Stolz, die Stadtbahn zu kontrollieren und mit ihr durch den Tunnel und die Stadt zu gleiten. Auch wenn es arbeitsreiche Tage waren, waren die Wochen in der Fahrschule sicher die schönsten meiner bisherigen Zeit bei der üstra.

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Ach so – die Sache mit dem Qualifying: Einmal gingen mir doch ein wenig die Pferde durch. In einer langgezogenen Rechtskurve überschritt ich – bedingt durch ein leichtes Gefälle – die dort maximal zulässige Höchstgeschwindigkeit. Aber sofort griff mir der Fahrlehrer über die Schulter und zog meine linke Hand mit dem darunter liegenden Fahrhebel sanft zurück. Dabei raunte er mir ins Ohr: „Aber Herr Iwannek – Qualifying ist erst am Samstag…“

6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Lol, sehr schön geschrieben. Ich stecke selber gerade in der Fahrschule und kann das alles nur bescheinigen. Aber es macht riesig Spaß und ich freu mich schon auf die Zeit nach der Fahrschule.

    LG Daniela

    P.s.: Ich kann mir sehr gut vorstellen, welcher Fahrlehrer das wohl gesagt hat! :-)

  2. Hallo Daniela, freut mich, dass Dir die Ausbildung gefällt. Mir hat das damals auch sehr viel Spaß gemacht. Den Fahrlehrer verrate ich Dir mal unter 4 Augen.

    Udo Iwannek

  3. Gefällt mir sehr gut dieser Beitrag.
    Ich habe es schon oft versucht als Stadtbahnfahrer eine Chance zu bekommen.
    Habe mich schriftlich als auch online beworben, da dieser Beruf mich sehr interessiert und ich von Kind auf an begeisterter üstra Fan bzw. Stadtbahnfan bin.

    Leider wird mir dieser Wunsch ein Traum bleiben, da ich nie Antwort erhalten habe…
    Die Mutter meiner Kinder ist auch als Stadtbahnfahrerin beschäftigt und ich half ihr bei der Ausbildung soweit ich das konnte beim lernen…
    Naja, vieleicht klappt es ja dieses Jahr wenistens mal zu einem Vorstellungstermin geladen zu werden und zum Eignungstest.

    Liebe Grüße

  4. Hallo Thomas,
    Gerne würden wir Ihrer Bewerbung noch einmal nachgehen. Schicken Sie uns doch bitte ein E-Mail mit ihrem vollen Namen an presse@uestra.de

    Mit freundlichen Grüßen
    Udo Iwannek

  5. Hallo Herr Iwannek,

    vielen lieben Dank für diese erfreuliche Reaktion.
    Damit habe ich gar nicht gerechnet.
    Ich habe die gewünschte E-Mail soeben an die genannte Adresse geschickt.

    Ich danke Ihnen sehr für Ihre freundliche Unterstützung.

    Liebe Grüße
    Thomas

  6. Hallo Thomas,
    Danke für das E-Mail mit den Informationen. Die Kollegin der Personalabteilung hat daraufhin nachgeschaut. 2013 haben Sie Sich beworben und eine Absage von uns erhalten. 2014 haben Sie Sich erneut beworben und sind von der üstra informiert worden, dass sie auf der Warteliste für den Eignungstest stehen.
    Ihre Aussage, dass Sie nie eine Antwort erhalten hätten, stimmt demzufolge nicht.
    Wir freuen uns vielmehr über jede Bewerbung und geben jedem Bewerber so schnell wie möglich eine Antwort.
    Ich drücke Ihnen fest die Daumen, dass es mit dem Test und der Einstellung klappt. Schön dass Sie sich für den anspruchsvollen aber auch interessanten Beruf eines Stadtbahnfahrers interessieren.

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