Alle lieben den Irvine Citaro! Was ist das Besondere am ÜSTRA Kultbus?
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Alle lieben den Irvine Citaro! Was ist das Besondere am ÜSTRA Kultbus?

Jedes Mal, wenn wir auf unseren Social-Media-Kanälen den Irvine Citaro erwähnen, bricht die ÜSTRA Community in Jubelstürme aus! Doch was ist das Besondere an dem Kultbus, der zur EXPO 2000 vom englischen Stardesigner James Irvine, in Kooperation mit Mercedes-Benz, entwickelt wurde? Für das Fahrtenbuch haben wir einen echten ÜSTRA Irvine-Fan zu Rate gezogen und nicht nur erfahren, weshalb der Irvine Citaro einzigartig ist, sondern dass man ihn auch heute noch mieten kann!

Erfreut sich heute wie damals großer Beliebtheit: der Irvine Citaro. Hier bei der Präsentation auf dem Opernplatz am 24. Juni 1999. (Foto: ÜSTRA Archiv)

Holger Jäckel ist in Sachen ÜSTRA Busse ein Allround-Experte – schon aus Berufsgründen! 1996 hat er in der ÜSTRA Buswerkstatt als Azubi begonnen, bevor er zur EXPO 2000 in den Fahrdienst wechselte. Inzwischen arbeitet Holger als Leiter Fahrgruppen auf dem Busbetriebshof Vahrenwald und geht in seiner Freizeit einem Hobby nach, das seinen Beruf und seine Leidenschaft für Busse kombiniert: Er sammelt ausrangierte Kraftomnibusse. Demzufolge hat Holger die besten Qualifikationen, um mich in die Sphären des legendären ÜSTRA Irvine Citaro einzuweihen. Als ich Holger frage, was denn das Besondere am Irvine Citaro sei, sprudelt es aus ihm heraus:

Holger Jäckel (rechts) und ich plaudern auf dem Betriebshof Vahrenwald über den Irvine Citaro. (Foto: Henri Kliemt)

„Also, Timo, das kann ich wirklich nicht in einem Satz beantworten. Der Mercedes-Benz Citaro war ohnehin ein nigelnagelneues Busmodell, welches erst 1997 Weltpremiere gefeiert hat. Der Bus an sich hatte schon eine Menge revolutionäres, und dann hat die ÜSTRA durch James Irvine zusätzlich ein total individuelles Design erhalten.“ Dass es für die EXPO 2000 eine neue Stadtbahngeneration geben würde, stand bereits fest. Neben den neuen TW 2000 – auch als Silberpfeil bekannt – sollten ebenfalls neue Busse zur Weltausstellung in den Betrieb gehen.

Neue Busse und neue Stadtbahnen zur EXPO 2000. (Foto: ÜSTRA Archiv)

James Irvine bekam den Auftrag, ein modernes, aber zugleich zweckmäßiges Design, für den „EXPO Bus“ zu entwickeln. Dabei hatte Irvine keinerlei Erfahrungen in Sachen Busdesign, sondern sich mit Arbeiten für Unternehmen wie Canon, WMF, Thonet oder Artemide einen Namen gemacht. Holger Jäckel ist davon überzeugt, dass der frische Blick von Irvine eine große Stärke des Busses ist: „James Irvine hat sich überlegt, was ein moderner Bus braucht und war dabei vollkommen unvoreingenommen.“ So ist letztendlich ein Bus entstanden, der sowohl für die Fahrgäste als auch für das Fahrpersonal neue Ansätze und große Innovationen vorzuweisen hatte. Und nicht zuletzt sah der Irvine Citaro klasse aus!

Schöne Rundungen und ein farbiger Dreiklang: Der Irvine Citaro von außen

Wenn man sich den Irvine Citaro von außen anschaut und mit den ÜSTRA Vorgängern vergleicht, fällt eins sofort auf: Die Farbe hat sich geändert. Das bisher stilprägende Grün wurde durch einen Farbdreiklang aus Grün, Silber und Orange abgelöst. Passend zur neuen Stadtbahngeneration, bildete Silber die Hauptfarbe.

Die runde Form und die Farbkombination waren das äußerliche Markenzeichen des ÜSTRA Irvine Citaros. (Foto: ÜSTRA Archiv)

Holger erinnert sich, dass der orangene Streifen aus der Not heraus geboren worden sein soll: „Dazu gibt es zwei Theorien: Die eine besagt, dass die orangene Farbgebung eingebracht wurde, damit der Bus im Straßenverkehr besser zu sehen ist, was im häufig grauen Niedersachsen aus meiner Sicht durchaus Sinn macht. Der zweite Ansatz beschäftigt sich mit den ,Katzenaugen‘ am Heck des Citaros. Diese sind bei einem Bus vorgeschrieben und reflektieren nicht nur, sondern Leuchten. Nun gab es beim Irvine Citaro die Befürchtung, dass die ‚Katzenaugen‘ auf dem silbernen Hintergrund untergehen würden. Deshalb wurde im Bereich der Reflektoren alles orange gestaltet. Egal, welcher der Ansätze stimmt, das Design kam letztendlich super an und hat das Aussehen der ÜSTRA Busse auch noch für weitere Busgenerationen geprägt.“ Neben der Farbgebung stach die Form des Irvine Citaros in Auge. „Der neue Bus war kein ‚langweiliger‘ Kastenbus von der Stange, sondern ein wohlgeformtes Fahrzeug mit vielen Rundungen.“ Der Irvine Citaro war bereits auf den ersten Blick ein Bus mit Wiedererkennungswert.

Neue Farbe, neue Form: Der Irvine Citaro neben einem älteren ÜSTRA Busmodell auf dem Betriebshof. Holger sitzt auf dem Foto übrigens am Steuer. (Foto: Privat)

Eine italienische Piazza und ein Stammtisch: Der Irvine Citaro von innen

Die Fahrgäste an der Haltestelle konnten den Irvine aufgrund seines Designs also sofort erkennen. Das revolutionäre Buserlebnis ging im Innenraum des EXPO Busses allerdings direkt weiter: „Die Türen in der Mitte des Fahrzeuges waren etwas ganz Neues. Es gab zwei Türen direkt nebeneinander in der Mitte vom Bus! Früher hatten die Busse in der Mitte nur eine Tür. Die zweite Tür hat den Fahrgastwechsel super angenehm gestaltet – sowohl für mich als Fahrer als auch für meine Fahrgäste“, erinnert sich Holger an seine Liniendienste im Citaro. Nachdem die Fahrgäste durch die großen Türen in den Bus gestiegen waren, standen sie in einem geräumigen Mehrzweckbereich, der einem italienischen Marktplatz, einer Piazza, nachempfunden war. Während dieser Platz vor allem für kürzere Fahrten mit Stehplätzen oder für Kinderwagen und Rollstühle gedacht war, wurde die Sitzecke im hinteren Bereich von den Fahrgästen genutzt, die längere Strecken mit dem Bus zurücklegten und sich unterhalten wollten – ein Stammtisch sozusagen.

Neben der schnell ersichtlichen Raumaufteilung im Fahrzeug, hat sich James Irvine dem Bus ebenfalls mit Liebe zum Detail gewidmet. Kleinere, aber ebenso wichtige Elemente, wie die Türtaster und die Halteschlaufen bekamen ein neues Design. „Es beeindruckt mich noch heute, wie detailliert der Bus designt wurde. Viele Elemente waren damals für die Konstrukteure eine große Herausforderung, sind heutzutage allerdings Standard in der Busbranche. Somit war das Fahrzeug in vielerlei Hinsicht revolutionär“, schwärmt Holger vom Irvine Citaro.

Panoramablick und Mäusekino: Der Irvine Citaro für das Fahrpersonal

Der Fahrerarbeitsplatz im Citaro war ebenfalls revolutionär. (Foto: ÜSTRA Archiv)

Der Irvine Citaro ist also in jedem Fall etwas fürs Auge und für den Fahrgastkomfort. Ich frage Holger, ob der Bus denn gleichzeitig Vorzüge für unsere Fahrerinnen und Fahrer in petto hatte. Holger bekommt große Augen, breitet die Arme aus so weit er kann und sagt: „Die riesengroße Panoramascheibe war so klasse! Eine solche Scheibe hatte die Busbranche noch nicht gesehen! Es gab keine einzige Strebe im gesamten Sichtfeld!“ Neben der tollen Aussicht ist Holger die seinerzeit hochmoderne Technik im Citaro im Gedächtnis geblieben. „Der kleine Bildschirm auf dem Armaturenbrett in der Nähe vom Lenkrad war ebenfalls klasse und wurde von uns immer liebevoll ‚Mäusekino‘ genannt.“ Durch die Computertechnik war es den Fahrerinnen und Fahrern zum Beispiel möglich, den Ölstand, die Motortemperatur oder die Druckluft vom Fahrerarbeitsplatz aus zu überprüfen. Und wenn am Bus etwas nicht in Ordnung war, gab es eine direkte Fehlermeldung auf das Display – sorry, das „Mäusekino“. Neben der modernen Technik, wusste der Irvine mit Komfort für das Fahrpersonal zu überzeugen: Der Sitz war ergonomisch und gut gefedert und das komplette Armaturenbrett konnte samt Lenkrad erstmalig verstellt und somit der Größe und dem Kröperbau des Fahrers oder der Fahrerin angepasst werden. „Sowas ist heute normal, war Ende der 90er jedoch ein enormer Qualitätsgewinn!“, erinnert sich Holger.

101 Irvine Citaro, vier unterschiedliche Modelle

Die ÜSTRA hatte 101 Irvine Citaro in Auftrag gegeben. (Foto: ÜSTRA Archiv)

Insgesamt wurden 101 Fahrzeuge von Mercedes-Benz an die ÜSTRA geliefert. Eine Zahl, hinter der sich eine Anekdote verbirgt, die Holger (selbstverständlich) kennt: „Beim Hersteller mussten über 100 Fahrzeuge in Auftrag gegeben werden, damit es sich lohnt, dieses Sondermodell überhaupt zu konstruieren. Die ÜSTRA bestellte also 101 Irvine Citaro.“ Die 101 Fahrzeuge teilten sich in Diesel- und Erdgasbusse als Solo- und Gelenkmodell auf. Der erste Bus fuhr 1999 im Linienbetrieb, das letzte Exemplar ging 2016 in „ÜSTRA Rente“.

Für echte Fans: Der Irvine Citaro zum Mieten

Obwohl der Irvine Citaro seit einigen Jahren nicht mehr im Linienbetrieb fährt, hat der Bus viele Fans – und für diese hat Holger noch eine gute Nachricht: „Für alle, die den Irvine Citaro klasse finden, gibt es die Möglichkeit, den Bus – inklusive Fahrerin oder Fahrer – zu mieten. Denn die ÜSTRA hat ein Fahrzeug behalten.“ Mit einem Augenzwinkern ergänzt er: „Wahrscheinlich war es genau das 101. Fahrzeug, das heute noch im Besitz der ÜSTRA ist!“

Und wenn ihr Interesse an einer Sonderfahrt mit dem ÜSTRA Kultbus habt, schaut gerne mal auf uestra.de vorbei. Dann sorgt der Irvine Citaro nicht nur auf den Social-Media-Kanälen für Jubelstürme, sondern auch wieder auf Hannovers Straßen.

10 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Der Citaro ist ein geniales Fahrzeug.
    Und Holger ist sowieso ein Bus-Experte, der sich mit Leib und Seele für Busse allgemein einsetzt. Dieser Beitrag bekommt eine 1+ mit Sternchen.
    Danke dafür!

  2. Super Beitrag! Schön, dass auch über ältere Fahrzeuge berichtet wird, die nicht mehr im Liniendienst sind. Gerade der Irvine Citaro ist ein ganz besonderes Fahrzeug, welches so einen langen Beitrag definitiv verdient hat.

  3. Sehr spannendes Feature. Vom Irving Citaro abgesehen finde ich aber auch ganz allgemein, dass die Üstra coole Busmodelle hat, ich fahre immer sehr gerne mit. Und dass jemand Busfahrer aus Leidenschaft sein kann, weiß ich nicht nur durch Holger (den ich ganz flüchtig kenne), sondern auch durch euren jungen Fahrer Alexander N., den ich das Vergnügen hatte, als Schüler zu unterrichten (durch ihn kenne ich auch Holger). Alex‘ Leidenschaft für Busse und Fahren konnte ich ein Stück seiner Teenagerzeit miterleben. Grüße bitte sowohl Holger als auch Alex sehr herzlich von mir.

    • Hallo Christian, danke für dein Feedback. Die Grüße an Alex und Holger geben wir natürlich gerne weiter.

      Viele Grüße

      Timo

  4. Hallo Timo!
    ich bin auch ein großer Fan dieser Busse. tolles Design und immer noch modern.
    wohin hat die Üstra die Busse abgeben?
    würde mich sehr interessieren.
    Liebe Grüße und danke für den tollen Beitrag
    Stefan

    • Hi Stefan, vielen Dank für deinen Kommentar und das positive Feedback. Es freut mich sehr, dass dir der Beitrag gefällt. Also, nachdem die Irvine Citaros bei der ÜSTRA nicht mehr im Linienbetrieb eingesetzt wurden, gingen einzelne Fahrzeuge an andere Busunternehmen oder in den Besitz privater Käuferinnen und Käufer. Allerdings hat die ÜSTRA ja ein Exemplar behalten. Liebe Grüße

      Timo

  5. Guten Tag, bin durch Zufall auf diesen Blog gestoßen und kann Euch berichten, das bis Ende 2019 diverse Irvine von der Üstra in Klaipeda (ehem. Memel) Litauen auf Linie waren und dort ebenfalls sehr beliebt waren.
    Herzliche Grüsse

    Krisai

    • Hi Christoph, danke für diese Info. Es scheint so, als wäre der Irvine Citaro – egal wo er fährt – sehr beliebt. Viele Grüße Timo.

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