Zwei statt drei: Das Leben in vollen Zügen
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Zwei statt drei: Das Leben in vollen Zügen

Woran erkennt man, dass in Niedersachsen die Sommerferien begonnen haben? Richtig, die Baustellen sprießen wie die Pilze aus dem Boden. Aber es gibt noch einen anderen unumstößlichen Hinweis: Die ÜSTRA setzt auf vielen Linien anstatt der üblichen 3-Wagen- nun wieder 2-Wagen-Züge ein.
Doch bevor wir in das „Warum“ einsteigen, machen wir erstmal den Faktencheck. In einer Stadtbahn des Typs TW 2000 (Silberpfeil) gibt es 54 Sitz- und 105 Stehplätze. In einem 2-Wagen-Zug können damit ca. 300 Personen befördert werden. Im TW 3000 sieht das ganz ähnlich aus: Da variiert nur die Anzahl der Stehplätze. Der TW 3000 wurde im Innenraum etwas großzügiger gestaltet, sodass hier bis zu 113 Menschen stehen können.

Normalerweise – also in der Schulzeit – fahren auf den Linien 1, 3 und 4 alle Bahnen mit drei Wagen. Auf der Linie 6 und 7 sind es nur einige Fahrten, die einen dritten Wagen haben. Nun liegt es in der Natur der Sache, dass mit den Sommerferien die Fahrgastzahlen zurückgehen. Daher haben wir auf den Linien, die zum Großteil von Schülern oder Studenten genutzt werden, den dritten Wagen abgekuppelt. Auf der Linie 1, auf der vorwiegend Berufstätige unterwegs sind, werden auch während der Sommerferien planmäßig 3-Wagen-Züge eingesetzt. Hier sinkt die Nachfrage nicht so stark, wie auf den anderen Linien. Dennoch spielt auch die Wirtschaftlichkeit eine große Rolle: Im Nahverkehrsplan haben wir mit der Region Hannover vereinbart, dass eine Auslastung der einzelnen Linien in Stoßrichtung von kleiner oder gleich 65 Prozent aus Komfortgründen noch akzeptabel ist, im Durchschnitt über eine Stunde, versteht sich.

Das Warum: Spagat zwischen günstigem Fahrpreis und Komfort

Um die Zahlen kontinuierlich im Blick zu behalten, zählen wir die Auslastung regelmäßig mit speziell ausgerüsteten Zählfahrzeugen. Im dritten Quartal legen wir dabei einen Fokus auf die Sommerferien, um im kommenden Jahr entsprechend reagieren zu können. Was wir aus den Zahlen ablesen können: Oft sind es tatsächlich nur einzelne Fahrten, die überproportional voll sind. Im Sommer 2016 waren es von knapp 800 gezählten Fahrten auf der Linie 4, die wir nun beispielhaft einmal betrachten, etwa zwei Dutzend. Die vollste Fahrt wurde mit 278 Fahrgästen (über die Distanz von 5 Haltestellen) gezählt und war mit 93 Prozent wirklich sehr gut ausgelastet. Ein 2-Wagen-Zug kann aber rechnerisch, wie oben bereits beschrieben, 300 Fahrgäste aufnehmen. Im Grunde ist er mit 278 Personen also nicht „zu voll“. Zudem wurde die gleiche Fahrt an zwei weiteren Tagen erhoben – mit einer maximalen Besetzung von 151 bzw. 180 Fahrgästen. Häufig sind die Bahnen vor oder nach der vollen Bahn schon deutlich leerer und auch bei gleichen Abfahrtszeiten gibt es an unterschiedlichen Tagen sehr unterschiedliche Platzauslastungen.

Wie man an der Grafik sehr gut erkennen kann, ist der Zug von der Leibniz Uni bis Kröpcke mit über 200 Personen gefüllt. Natürlich ist uns bewusst, dass es gerade zwischen Königsworther Platz und Kröpcke im Wagen sehr kuschelig ist. Aber dennoch überschreitet die Zahl nicht die zugelassene Höchstgrenze. Würden wir hier einen 3-Wagen-Zug einsetzen, würden sich die 278 Fahrgäste auf 450 Plätze insgesamt verteilen. Davon könnten 150 sitzen – „nur“ 120 Menschen müssten stehen. (siehe Grafik) Das wäre natürlich sehr viel komfortabler – aber: Der dritte Wagen bedeutet gegenüber einem 2-Wagen-Zug gleich 50% Aufschlag beim Stromverbrauch über die gesamte Strecke. Aber es ist nicht nur der Stromverbrauch, der ansteigt. Auch die Kosten für Reinigung und Wartung eines dritten Wagens bedeuten einen Aufschlag zu den aktuellen Kosten. Wir versuchen also immer den Spagat zwischen Komfort für den Fahrgast und günstigem Fahrpreis.

Rückschlüsse für 2018

In Kürze beginnen die Semesterferien und das wird die Auslastung auf der Linie 4 spürbar senken. Da auch im kommenden Jahr, die Sommerferien deutlich vor den Semesterferien beginnen, untersuchen wir dieses Jahr die Auslastung der 4 in diesem Zeitraum detailliert, um 2018 entsprechend reagieren zu können. Denn uns ist klar, dass der Komfort in einem fast maximal ausgelasteten Wagen durchaus leidet. Natürlich würden wir unseren Fahrgästen gern immer einen Sitzplatz anbieten, aber die jährlichen Betriebskosten sind letztlich auch darauf kalkuliert, dass man durch die schwächere Nutzung in den Sommermonaten diese entsprechend senken kann. Hinzu kommt, dass die meisten Züge nur über relativ kurze Abschnitte bei einzelnen Fahrten (zeitlich, als auch räumlich) wirklich voll sind. (siehe Grafik bzw. Link zu Bild)
All das ist sicher ein schwacher Trost, wenn man als Betroffener in einem der volleren Züge unterwegs ist. Aber wir hoffen, wir konnten trotzdem ein wenig Verständnis für das Abkoppeln eines Wagens während der Sommerferien wecken.

PS. Über die nicht benötigten Silberpfeile freuen sich dann beispielsweise die Fahrgäste der Linie 10. Wenn wir nämlich durch den Tunnel fahren, kommen auch sie in den Genuss des TW 2000, obwohl die Strecke zum Raschplatz noch nicht fertig gestellt ist.

7 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Moin,
    ich bin so ein betroffener der Linie 4. In morgendlichen Berufsverkehr ist es auch in den Ferien so voll, das dort locker der Einsatz eines 3-Wagen-Zugs gerechtfertigt ist. Auf der C-Ost vergisst man oft, das dort neben den ganzen Schulen (die ja in den Ferien nicht relevant sind) auch viele Firmen entlang der K-W-Allee liegen und die große MHH, die ähnlich wie z.b. VW zu bestimmten Zeiten einen relativ großen Schichtwechsel hat. Und für mein Empfinden ist der Abschnitt zwischen MHH und Aegi/Kröpcke, denn dort steigen die meisten aus, doch ein sehr langer! Hinzu kommt das der Takt der Linien 4 und 5 in dem gemeinsamen Abschnitt ja absichtlich keinen gleichen Abstand hat um mehr Menschen in die Li. 4 zu bekommen, obwohl die Li. 5 augenscheinlich immer viel weniger besetzt ist. Vielleicht korrigiert man hier auch mal?! Zurück zur Problematik 3-Wagen-Zug: Warum fährt man nicht zumindest im morgendlichen Berufsverkehr und kuppelt ab 9 Uhr kontinuierlich den 3. Wagen auf der Linie 4 ab, man fährt ja schließlich in jeder Runde am Betriebshof in der Fuhsestr./Leinhausen vorbei… Oftmals lässt die Üstra die flexibilität vermissen…

    • Christine Wendel

      Genau diese Flexibilität hängt aber auch mit den Planungen zusammen. Wie wir aber bereits im Text oben geschrieben haben: Die Kollegen überwachen die Fahrgastzahlen und werden im kommenden Jahr daraus Rückschlüssen ziehen. Das „Problem“ ist auf jeden Fall erkannt.

      • Vielen Dank für Ihre Antwort.
        Ich finde es allerdings etwas fragwürdig, etwas jetzt zu Überprüfen und für 2018 zu ändern. Das hat mit Flexibilität nicht viel zu tun. Im übrigen ist das mal ein Wunsch & Anreiz hier mal darüber zu berichten wie die Üstra ihre Vorgaben von den Politikern der Regionsverwaltung (o.ä.) bekommt. Bürgerbeteiligung findet dort ja nicht statt, zumindest nicht so, das es jeder Bürger mitbekommt.
        Das wäre doch auch mal etwas von der Üstra. Eine Dialogform wo Bürger Vorschläge machen und diese in Ihrem Unternehmen transparent geprüft werden und man verfolgen kann, was daraus wird / geworden ist.

        • Christine Wendel

          Das sind zwei gute Ideen – ich gebe das gern mal weiter und wir schauen, wie sich das umsetzen lässt.

  2. Hallo Üstra,
    über soviel Vielfalt (Doppel- oder Dreifachtraktion) eurer Bahnen kann Essen (EVAG und MVG) nur davon träumen. Bei uns wird leider nur in einfacher Traktion gefahren, kein Wunder, dass viele wieder auf Auto & Rad umsteigen. Also lass mal die Politik links liegen und hört auf eure Kunden, ehe die auch rar machen.

    • Hallo Jörg,

      Man kann nicht einfach mal eben so Züge in Zweier oder Dreier-Traktion fahren lassen. Zum einen muss die Haltestelleninfrastruktur das hergeben. Zum Beispiel sind viele Haltestellen der Linie 2 Richtung Alte Heide nur für Zweiertraktion ausgelegt. und für Drteier-Traktion zu kurz.
      Zum anderen können Stadtbahn-Züge nur dann in Dreiertraktion fahren, wenn sie zusammen nicht länger als 75 m sind.
      Das ist zum Beispiel bei den hannoverschen TW 6000 Zügen nicht gegeben, da die TW 6000-Triebwagen jeder für sich rund 27 m lang ist. Und das ist bei den Essener Stadtbahnwagen ähnlich, die sind so lang das drei davon aneinandergekoppelt länger als 75m sind.
      Kleiner Trost: Sind die Züge kürzer, dann müssen sie in einem dichteren Takt fahren, und das ist doch auch eine schöne Sache, wenn man nicht so lange auf den nächsten Anschluss warten muss!

  3. Hallo,

    das Argument mit den steigenden Kosten zieht für mich überhaupt nicht. Nachts fahrt ihr doch auch Vollzüge und damit eine Menge heiße Luft durch die Gegend. Da sollte man sparen, aber doch nicht in der HVZ, in der es auch in den Ferien extrem eng wird und eben nicht nur im Innenstadtbereich, wie ich es in den letzten Wochen auf der Strecke Richtung Wettbergen ertragen musste. Da wurde es erst ab der Wallensteinstraße annähernd erträglich.

    Liebe Grüße,
    Julian

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