Auch Fahrkartenautomaten haben Gefühle
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Auch Fahrkartenautomaten haben Gefühle

Das darf doch nicht wahr sein! Mit den Nerven vollkommen am Ende stehe ich am Fahrkartenautomaten und schaffe es nicht, mir ein Ticket zu ziehen. Das Zwei-Euro-Stück rollt immer wieder durch den Münzschlitz und landet klirrend – ohne Zwischenhalt – im Rückgabefach des Automaten. Mein Geldschein wird nicht erkannt und immer wieder ausgespuckt. Dass der Schlitz für die Giro-Card durch klebriges Kaugummi verstopft ist, rundet meinen Fahrkarten-Horror ab.

Störungen am Automaten: Der Horror für mich beim Ticketkauf! (Foto: Florian Arp)

Ok, ich gebe es zu, diese Story ist frei erfunden. Mein überspitztes Fahrkarten-Fiasko trage ich dem ÜSTRA Mitarbeiter Andreas Kisser vor und merke schnell, die Sache lässt ihn nicht kalt. Kisser ist nämlich mit Leib und Seele Experte für Fahrkartenautomaten. Er gehört zum Wartungs- und Reparatur-Team der ÜSTRA und kümmert sich sechs Tage die Woche – montags bis samstags – um die insgesamt 322 Automaten im Streckennetz. Ich bin mit ihm auf dem Weg nach Laatzen, denn dort wird ein Ticketautomat ausgetauscht. Diese Chance nutze ich, um dem Profi ein wenig über die Schulter zu schauen.

Andreas Kisser – Automaten-Experte mit Leib und Seele (Foto: Florian Arp)

Während Kisser von seinem Job erzählt wird mir klar: Langeweile ist für ihn ein Fremdwort. Zu vielfältig sind die Fahrkartenautomaten – oder wie Kisser sie charmant abkürzt – die FKA. „Unsere Automaten sollen es jedem recht machen: Einfach zu bedienen sowie Wind, Wetter und Vandalen trotzen, keine einfache Aufgabe.“ Ein FKA ist ein hochkomplexes System: Ein Industrie-PC dirigiert die Wünsche des Fahrgastes. Touchscreen, Software, kilometerlange Ticketrollen und Geldwechsler greifen wie Zahnräder reibungslos ineinander – falls nicht, kommt es zu Störungen. Dann rücken Andreas Kisser und seine Kollegen aus. Pro Jahr gibt es zwischen 7.000 und 8.000 Reparatureinsätze, das sind rund dreißig pro Arbeitstag. Oft handele es sich dabei um kleine Probleme, die schnell zu beheben seien. Die meisten „Alltagssorgen“ entstehen laut Kisser durch alles was mit Kleingeld zu tun habe: „Vom Münzeinwurf, über den Münzprüfer bis zum Restgeldspeicher fürs Wechselgeld. Zum Beispiel kommt nach und nach Schmutz – Staub oder kleine Steine – ins Innere der Automaten und dann funktioniert irgendwann die Mechanik nicht mehr.“ Bei den Automaten, die draußen in freier Wildbahn stehen, sei zudem die Witterung ein großer Risikofaktor: „Die Automaten können schon gut was ab, aber der Zahn der Zeit macht auch vor unseren FKA keinen Halt“, so Kisser. Im Sommer der prallen Sonne und im Winter der Eiseskälte ausgesetzt, das geht auch an einem 250 Kilo-Koloss mit Stahlgehäuse nicht spurlos vorbei.

Ein komplexes Konstrukt: Der ÜSTRA Fahrkartenautomat (Foto: Florian Arp)

So viel zum „Alltagsgeschäft“. Was Herrn Kisser und seine Kollegen jedoch zur Weißglut treibt, sind die zahlreichen Vandalismus-Schäden an den Automaten: „Das fängt beim Graffiti am Korpus an und geht über verstopfte Münzschlitze, bis hin zu Bierlachen im Geldwechselfach. Sowas zu sehen macht keinen Spaß und ich kann auch nicht verstehen, wie man auf solche Ideen kommt.“ Pro Jahr sind es über hundert Einsätze, bei denen die Automaten mutwillig beschädigt werden und oft wird es dann auch richtig teuer: „Wenn zum Beispiel die sogenannte Opferscheibe, die den Touchscreen schützt, eingeschlagen wird, kostet eine neue Scheibe ungefähr 750 Euro. Und ist dann auch noch das Display beschädigt, sind wir schnell bei 2.500 Euro“, rechnet mir Andreas Kisser vor.
Inzwischen sind wir am Ginsterweg in Laatzen angekommen. An dieser Haltestelle bekomme ich die Folgen des Fahrkarten-Vandalismus‘ live zu sehen. Herr Kisser erklärt mir erstmal die Lage: „Dieser Automat wurde so stark beschädigt, dass wir ihn austauschen müssen.“ Das Stahlgehäuse ist verzogen und auch der Drucker ist kaputt. Totalschaden. Doch neben dem materiellen Schaden, kostet der Austausch Herrn Kisser und seine Kollegen eine Menge Zeit: „So eine Aktion müssen wir langfristig planen. Wir organisieren Personal für den Transport und Austausch der FKA. Zudem müssen die kaputten Teile repariert oder gewechselt werden. Da arbeiten wir mit Zulieferern zusammen oder nutzen unseren eigenen Reservebestand.“ Und wenn alle Stricke reißen, dann muss ein nigelnagelneuer Automat her. Kosten: Zwischen 30.000 und 35.000 Euro.

Rest in Peace: Für den zerstörten Automaten in Laatzen kommt jede Hilfe zu spät (Foto: Florian Arp)

Da das Wartungsteam nicht an allen Automaten zeitgleich sein kann, werden die Reparaturzyklen gut geplant: „Wir haben zum einen eine Prioritätenliste. Wenn beispielsweise ein Automat am Kröpcke defekt ist und direkt daneben noch drei funktionsfähige Automaten stehen, fahren wir im Falle einer Störung zuerst zur Haltestelle „Goetheplatz“, wo es nur einen Automaten gibt. Zum anderen kommt es darauf an, ob nur eine Teilstörung vorliegt – zum Beispiel keine Fünf-Euro-Scheine angenommen werden – oder ob der FKA komplett defekt ist.“ Trotz guter Planung kann es, wie beim zerstörten Automaten in Laatzen, dazu kommen, dass einige Zeit keine Fahrkarten an der Haltestelle zu kaufen sind. In solchen Fällen empfiehlt die ÜSTRA: Sagt dem Fahrer Bescheid und löst bei nächster Gelegenheit ein Ticket nach. Störungen können außerdem direkt telefonisch oder über unsere Social Media Kanäle bei Twitter und Facebook (dann gern auch mit Foto) gemeldet werden.

Automat defekt? Herr Kisser und seine Kollegen freuen sich über Infos! (Foto: Florian Arp)

Damit unsere Automaten so lange wie möglich „gesund“ bleiben, an dieser Stelle der Appell an alle: Auch Fahrkartenautomaten haben Gefühle! Ein wenig Umsicht und Courage, wenn Vandalismus beobachtet wird, führen zu einer Win-Win-Situation: Weniger Stress beim Wartungsteam, weniger Frust bei den Fahrgästen und glückliche Automaten. Klingt doch gut oder?
Und an dieser Stelle noch ein kleiner Tipp am Rande: Wer ohnehin lieber auf sein Smartphone als auf einen Touchscreen am Automaten starrt, kann im Mobilitätsshop Tickets auch bequem online kaufen – ganz ohne Automaten.

8 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. So ein Fahrkartenautomat ist halt auch nur ein Mensch.
    Der kann auch mal einen schlechten Tag haben. Dann spuckt er einem die Münzen entgegen und den Geldschein mag er auch nicht essen (schmeckt ja auch eklig, so ganz ohne Barbequesauce).
    Sch(m)erz beiseite: Die Üstra-Busfahrer können sicher zum Thema „Wechselgeld“ noch mehr erzählen. Aber ich habe bisher immer positive Erlebnisse gehabt. Wenn selbst bei einem 5-EUR-Schein kein Wechselgeld da war, hieß es: „Steigen Sie ein, beim Umstieg in die Stadtbahn steht ein Automat.“
    Daher von meiner Seite mal wieder ein großes Lob an alle FiF (Fachkräfte im Fahrdienst). Bei der Üstra läuft halt vieles einfach „menschlicher“ als in anderen Städten.

  2. Hallo,
    ja leider gibt es immer wieder welche, die fremdes wichtigen Eigentum kaputt machen müssen/wollen. Besonders schlimm Ihr Satz > bis hin zu Bierlachen im Geldwechselfach (in der Hoffnung, daß es auch nur Bier ist)….
    Echt eine Sauerrei so etwas. Wenn da einer rein fasst…..ihhh. Aber dazu mal eine Idee, könnte Sie nicht in das Geldwechselfach unten einen Ablauf oder ein Sieb einbauen, mit einem Schlauch nach hinten draußen, damit die „Suppe“ ablaufen könnte?
    Danke an das Team, die für uns alles in Schuß halten.
    Gruß

  3. Ist geplant, dass die Automaten neben girocard auch Kreditkarten nehmen? Viele Banken geben keine girocards mehr raus und auch für Touristen würde das so einfacher werden. Und dann wäre natürlich eine kontaktlos-Unterstützung super.

    Habe gerade in Berlin an den BVG-Automaten wieder erlebt, wieviel praktischer und schneller das geht.

  4. Ich sah einmal abends vor längerer Zeit einen Fahrkartenautomaten, welcher mir plötzlich ein Windows Explorer-Fenster über dem eigendlichen Fahrkartenverkaufsmenü zeigte. Einfach so.
    Normalerweise sollten diese Automaten nicht direkt ihr Innerstes preisgeben, oder?
    Da die Bahn noch auf sich warten ließ, fand ich heraus, dass der Windows Media Player auch installiert ist. Leider sind nur 3 Midi-Dateien die mit Windows mitgeliefert werden dabei. Aber weiteren und bösen Schabernack habe ich nicht getrieben, das Fenster hab ich wieder geschlossen.

    • Christine Wendel

      Nein, normalerweise sollte sowas im Verborgenen bleiben. Ich geb das gern nochmal weiter. Wann und wo genau würde aber extrem helfen. 😉

      • Das ist schon ein- oder zwei Jahre her, ich hatte das am Fahrkartenautomaten an der Saarbrückener Straße gesehen gehabt.
        Aber das scheint eher selten aufzutreten. Ich meine mich aber zu erinnern, dass der Explorer ein Laufwerk namens „Backup“ oder ähnlich zeigte. Das hat wohl jemand vergessen zu schließen 😀

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